Orkan «Niklas» tobt über Deutschland

Orkan «Niklas» hat sich zu einem der stärksten Stürme der vergangenen Jahre entwickelt und den Verkehr in weiten Teilen Deutschlands lahmgelegt. In Nordrhein-Westfalen stoppte die Deutsche Bahn am Vormittag den Nahverkehr komplett, im Fernverkehr fuhren nur einzelne Züge.

Orkan «Niklas» tobt über Deutschland
Oliver Berg Orkan «Niklas» tobt über Deutschland

In Bayern wurde der Fernverkehr am Nachmittag eingestellt, die Haupthalle des Münchner Hauptbahnhofs wurde wegen Orkanschäden geräumt. Insgsamt waren Zehntausende Reisende und Pendler betroffen. In Sachsen-Anhalt starb ein Mann, als ihn eine umstürzende Betonmauer begrub, wie die Polizei mitteilte. Der Hausbesitzer ist das deutschlandweit erste bekannte Todesopfer bei dem Orkan.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hatte Unwetterwarnungen für große Teile Deutschlands herausgegeben - die Meteorologen warnten vor entwurzelten Bäumen, herumwirbelnden Gegenständen und schweren Schäden an Gebäuden.

Besonders betroffen waren zunächst Teile von Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, später auch Brandenburg und Berlin. Das Tief zog von Westen her über das Land.

BAHN: In Nordrhein-Westfalen stoppte die Bahn wegen zahlreicher Schäden nach dem Orkan «Niklas» gegen 11.00 Uhr ihren kompletten Nahverkehr. Regionalzüge und S-Bahnen fuhren die nächsten Bahnhöfe an und blieben dort stehen. Privatbahnen in dem Bundesland fuhren dagegen nach eigenen Angaben auf einzelnen Strecken weiter. Am Nachmittag teilte die Deutsche Bahn dann mit, dass anders als zunächst angekündigt im Laufe des Dienstags wieder erste Züge fahren könnten. Eine sichere Prognose sei noch nicht möglich.

In Bayern stellte die Deutsche Bahn den Fernverkehr wegen des Sturmtiefs komplett ein. Zudem komme es im Regionalverkehr zu starken Einschränkungen, teilte die Bahn am Nachmittag mit. Wegen Orkanschäden wurde die Haupthalle des Münchner Hauptbahnhofs am Nachmittag geräumt. In der Nähe von Osnabrück stürzten am Dienstag mehrere Bäume auf einen Zug und stoppten den Intercity. Der Zug war mit etwa 350 Menschen besetzt. Verletzt wurde nach Angaben der Bundespolizei niemand. Auch in anderen Bundesländern gab es Behinderungen im Bahnverkehr.

VERLETZTE/SCHÄDEN: In Groß Santersleben in Sachsen-Anhalt starb ein Mann, er wurde vor seiner Haustür unter einer umstürzenden Betonmauer begraben. Bei Hagen in Nordrhein-Westfalen riss der Sturm ein Baugerüst von der Lennetalbrücke (A45) ab. Zwei Arbeiter, die in 20 Metern Höhe mit Schweißarbeiten beschäftigt waren, fielen in die Tiefe und verletzten sich schwer. Im Bahnhofsviertel von Frankfurt am Main stürzte ein 15 Meter hohes Baugerüst auf vier parkende Autos, verletzt wurde laut Feuerwehr aber niemand. Vielerorts beschädigte der Orkan Häuser, der Wind riss Stromleitungen herunter.

STRASSEN: Polizei und Feuerwehr waren im Dauereinsatz, um umgestürzte Bäume von Autobahnen und Bundesstraßen zu räumen. Auch in Rheinland-Pfalz und im Saarland knickte «Niklas» Bäume und Strommasten um. Ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd sagte: «Kaum ist der eine Baum aufgeräumt, stürzt der nächste um.» Dramatisch sah es zeitweise auf der Autobahnbrücke der A29 bei Oldenburg in Niedersachsen aus. Es bestand die Gefahr, dass ein umgewehter Anhänger von einer 26 Meter hohen Brücke in die Hunte stürzt. Helfer konnten das Gespann rechtzeitig bergen.

FLÜGE: Probleme meldete Deutschlands größter Flughafen in Frankfurt. Bereits seit dem Morgen kam es zu Verspätungen, am Nachmittag sprach der Betreiber Fraport von 55 ausgefallenen Starts und Landungen. Am Flughafen Düsseldorf entschlossen sich einige Piloten angesichts der Windböen, durchzustarten und für die Landung neu anzufliegen. Dies und das Umfliegen von Schlechtwetterzonen führte zu einigen Verspätungen, aber Flugausfälle habe es nicht gegeben, sagte ein Sprecher. Am Hamburger Flughafen wurden mehrere Starts und Landungen gestrichen. Die S-Bahn-Linie zum Airport in München wurde eingestellt, am Flughafen gab es Verspätungen. Der Amsterdamer Flughafen Schiphol annullierte am Dienstag Dutzende Flüge, Passagiere mussten sich auf lange Wartezeiten einstellen.

WINDGESCHWINDIGKEITEN: Auf Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze (2962 Meter) tobte Orkan «Niklas» am Dienstag besonders kräftig: Am Mittag wurde auf dem Gipfel oberhalb von Garmisch-Partenkirchen eine Böe mit der Geschwindigkeit von 192 Stundenkilometern registriert. Angesichts des Orkans wurde der Berg für die Öffentlichkeit gesperrt. Der bisherige Höchstwert des Tages in Nordrhein-Westfalen wurde auf dem Kahlen Asten gemessen mit knapp 116 Stundenkilometern. Nach Auskunft des DWD ist dies «eine gute Windstärke 11.» Für den Brocken gab der DWD eine Warnung vor extremen Orkanböen mit Geschwindigkeiten von bis zu 160 Kilometern pro Stunde heraus.

WETTERAUSBLICK: Das Osterfest wird in diesem Jahr ungemütlich nass-kalt, aber zumindest ist der Sturm dann wohl kein Thema mehr. Nach dem Abzug von Orkantief «Niklas» erreicht Polarluft aus dem Norden Deutschland. Also Ostereiersuchen im Schnee? Soweit würde DWD-Meteorologe Lars Kirchhübel in Offenbach nicht gehen. Allerdings werde das Wetter am Sonntag und Montag bei 2 bis höchstens 13 Grad und häufigen Schauern nicht gerade nach draußen locken, sagte Kirchhübel. Aber tagsüber sei es zu mild für Schnee. Wenn «Niklas» sich am Mittwoch ins Baltikum davongemacht hat, bleibt es stürmisch, aber es geht nicht mehr so heftig zur Sache. «Tag für Tag wird es weniger», sagte Kirchhübel. Allerdings bleibt es turbulent mit vielen Schauern und Blitz und Donner.