Orkantief «Xaver» fegt über Deutschland

Orkantief «Xaver» hat trotz hoher Windgeschwindigkeiten bislang nur kleinere Schäden in Norddeutschland angerichtet. Die Hamburger Innenbehörde warnte aber vor einer sehr schweren Sturmflut in der Hansestadt.

Orkantief «Xaver» fegt über Deutschland
Bodo Marks Orkantief «Xaver» fegt über Deutschland

Das Wasser werde am Freitagmorgen gegen 6.30 Uhr auf 6,10 Meter über Normalnull (NN) steigen, sagte ein Sprecher. Das Unwetter hatte in Nordeuropa das Leben von Millionen Menschen lahmgelegt und Menschenleben gefordert. In Deutschland gab es bislang trotz extremer Böen von teilweise bis zu 155 Stundenkilometern nur einige Unfälle mit Verletzten.

Die Behörden in Hamburg rüsten sich für die Sturmflut: Weite Teile des Hafens wurden am frühen Morgen gesperrt, Menschen mussten die tiefer gelegenen Gebiete entlang der Elbe verlassen. Die Hochwasserschutzanlagen haben nach Angaben der Behörde Höhen zwischen 7,50 Meter und 9,25 Meter über NN.

Die Auswirkungen der Naturgewalten blieben bis zum Freitagmorgen trotz aller Befürchtungen verglichen mit dem Oktober-Orkan «Christian» deutlich geringer. Die Einsatzkräfte wurden weniger häufig angefordert, um umgeknickte Bäume zu räumen und um Bauzäune sowie Dächer zu sichern. In Hamburg rückte die Feuerwehr bis zum Abend rund 300 Mal aus. Dagegen war sie beim Oktober-Orkan schon an einem Tag allein knapp 2000 Mal im Einsatz.

Bei Hannover wurde ein Kleinbus mit behinderten Schülern von einer starken Böe erfasst und in einen entgegenkommenden Wagen gedrückt. Dabei wurde ein 68-Jähriger schwer verletzt, sechs weitere Menschen leicht. Ein weiterer Mann wurde schwer verletzt, als ein Auto durch eine Windböe in den Gegenverkehr gedrückt wurde.

In Elmshorn bei Hamburg prallte eine Regionalbahn an einem Bahnübergang gegen einen umgestürzten Baum. Der Zugführer wurde leicht verletzt. Ein Zug der Hamburger Hochbahn fuhr gegen einen umgestürzten Baum und entgleiste. In Stralsund in Mecklenburg-Vorpommern deckte «Xaver» das Dach eines Supermarktes ab.

Die Küsten hielten den Wassermassen bislang stand: «Die Deiche sind mächtig und stabil», hatte Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) gesagt. Noch am späten Abend hatte eine zweite Welle des Orkantiefs mit extremen Böen die Nordseeinsel Sylt erreicht.

Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes wurden in List auf Sylt in der Nacht um 1.00 Uhr Windgeschwindigkeiten von 148 Kilometern pro Stunde erreicht. Am Leuchtturm Kiel wurden 144 Stundenkilometer gemessen. Auf dem Brocken im Harz erreichte «Xaver» gar eine Spitzengeschwindigkeit von 155 Stundenkilometern.

Die Inseln und Halligen vor Schleswig-Holsteins Küste sind vom Festland aus nicht mehr zu erreichen, die Fähren stellten den Betrieb ein. Auch der Schiffsverkehr auf dem Nord-Ostsee-Kanal (NOK) kam zum Erliegen. Die nordfriesischen Halligen wie Langeneß und Hooge haben «Land unter». Die Fähren auf die ostfriesischen Inseln stellten ebenfalls ihren Betrieb ein. Dort wurde am frühen Freitagmorgen der Scheitel einer ersten Sturmflut erreicht - zunächst ohne größere Schäden anzurichten.

Reisende hatte «Xaver» bereits am Donnerstag auf eine Geduldsprobe gestellt. Auf den Flughäfen in Hamburg, Hannover und Bremen wurden etliche Flüge gestrichen. Auch der Bahnverkehr kam zum Erliegen. Der Fernverkehr in Niedersachsen, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein wurde eingestellt.

Schon am Donnerstag hatten viele Gemeinden ihre Weihnachtsmärkte geschlossen. In vielen Schulen Norddeutschlands fällt der Unterricht am Freitag aus. An den Universitäten in Greifswald und Rostock wurden die Lehrveranstaltungen gestrichen.

Und sogar vorm Fußball macht «Xaver» nicht halt: Das Bundesliga-Spiel zwischen Werder Bremen und Bayern München am Samstag ist gefährdet. Steigt das Wasser der Weser über den Deich, kann das Spiel nicht stattfinden. Das Bremer Stadion liegt direkt an der Weser.

Zunächst hatte «Xaver» in Großbritannien katastrophale Zustände angerichtet. In Schottland waren am Nachmittag 100 000 Häuser ohne Strom. Mehrere Menschen starben. Vor Südschweden gingen bei stürmischer See zwei Männer über Bord und werden seitdem vermisst. Sie waren auf einem niederländischen Frachtschiff vor Ystad unterwegs, als das Unglück passierte. Trotz großangelegter Suche blieben die beiden zunächst verschwunden.