Ovtcharov verteidigt Tischtennis-EM-Titel: «Bin happy»

Dimitrij Ovtcharov sprang nach dem erfolgreich verwandelten Matchball über die Umrandung, lief auf das Siegerpodest, zog das Trikot aus und posierte in Siegermanier.

«Das war schon ein Statement. Das musste mal raus», kommentierte Europas alter und neuer Tischtennis-König seinen Extra-Auftritt zum Abschluss der EM im russischen Jekaterinburg. Mit Urgewalt und einem unbändigen Siegeswillen hatte der Top-Star seine Regentschaft verlängert.

Der Titelverteidiger wiederholte am Sonntag durch einen grandiosen 4:1-Erfolg gegen Marcos Freitas aus Portugal seinen EM-Sieg von 2013 und konnte sich über ein Novum freuen. Der Olympia-Dritte, der in Abwesenheit des verletzten Rekord-Champions Timo Boll mit seinem insgesamt achten EM-Gold die Bilanz des Deutschen Tischtennis Bund (DTTB) kräftig aufpolierte, ist der erste Europameister, der den Titel auf asiatischem Terrain gewann.

«Ich war auf dem Zahnfleisch und bin jetzt extrem happy. Freitas hat super stark gespielt, bei 4:7 im dritten Satz wusste ich fast nicht weiter, aber mein Wille war stärker», erklärte Ovtcharov nach dem hochklassigen Endspiel. Die Lobeshymnen prasselten nur so auf den 27 Jahre alten Hamelner in Diensten des russischen Clubs Fakel Orenburg herab.

«Das hat er super gemacht. Das Match war megahochklassig», sagte Bundestrainer Jörg Roßkopf. «Wir freuen uns riesig. Es war ein Klasse-Spiel von beiden, ergänzte DTTB-Präsident Michael Geiger. «Dima hat sich gut bewegt und das sehr gut gemacht. Er hat stets die Kontrolle behalten», lobte Sportdirektor Richard Prause den Ausnahmespieler.

Vor allem im dritten Durchgang wurden die Ballwechsel immer hochklassiger und extrem schnell. Der Weltranglisten-Neunte Freitas forderte Ovtcharov voll, doch der DTTB-Star hatte mit 14:12, 9:11, 11:9, 11:4, 11:6 das bessere Ende für sich. «Dieser Sieg gibt mir für Olympia in Rio viel Selbstvertrauen, auch wenn die Asiaten noch ein Stück stärker sind», urteilte Ovtcharov.

14 Einzel absolvierte er an zehn Turniertagen, alle 14 gewann er. Mit der letzten Partie verlängerte das bärenstarke Kraftpaket eine tolle Serie. Zum fünften Mal seit 2010 stellte der DTTB den Sieger in der Königsdisziplin, die Konkurrenz ist aber näher gerückt. Österreich gewann nach Gold im Team auch den Titel im Herren-Doppel durch Stefan Fegerl an der Seite des Portugiesen Joao Monteiro und lag in der Herren-Wertung vor dem Aufgebot von Bundestrainer Jörg Roßkopf.

Ovtcharovs Gala-Show verdeckte auch Schwächen. Mit zweimal Gold und jeweils einmal Silber und Bronze fiel die Bilanz im Vergleich zum EM-Rekord 2013 in Schwechat (4/2(2) bescheidener aus. Am schwarzen Samstag gab es in sieben Viertelfinals fünf deutsche Niederlagen. «Da haben wir einige Medaillen liegen gelassen», gab Sportdirektor Richard Prause zu. «Vor Rio werden wir mehr im Athletikbereich arbeiten. Solide spielen reicht selbst bei einer EM nicht.»

Groß war die Enttäuschung bei den Damen. Nach dem souveränen Team-Sieg verpasste Top-Favoritin Han Ying die Medaillenränge. Bei der Siegerehrung für die neue Europameisterin Elizabete Samara aus Rumänien waren die Golden Girls nur Zuschauerinnen. «Unser Anspruch ist es, dabei zu sein», sagte Prause. «Gegen Abwehrsysteme haben meine Spielerinnen noch Steigerungspotenzial», nannte Bundestrainerin Jie Schöpp einen Schwachpunkt.

Die Weltranglisten-Elfte Han Ying, selbst eine gute Abwehrspielerin, verlor gegen die 42 Plätze schlechter eingestufte Lokalmatadorin Polina Michaylowa (Russland). Die deutsche Meisterin Petrissa Solja hatte gegen Abwehrass Li Jie (Niederlande) das Nachsehen. Der Berlinerin schmerzte der linke Schlagarm. «Ich bin sehr froh, dass in Zukunft Team- und Individal-Europameisterschaften getrennt werden», sagte die 21-Jährige. Der extremen Zeitplan forderte Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Zuschauer täglich zwölf Stunden.