Papst appelliert auf Lesbos an Gewissen der Welt

Dramatischer Appell: Papst Franziskus und orthodoxe Würdenträger haben von der griechischen Insel Lesbos aus die Welt zur Solidarität mit Flüchtlingen aufgerufen.

Papst appelliert auf Lesbos an Gewissen der Welt
Filippo Monteforte / Pool Papst appelliert auf Lesbos an Gewissen der Welt

«Wir hoffen, dass die Welt die Bilder dieser tragischen und verzweifelten Not sieht und auf eine Weise reagiert, die unserer gemeinsamen Menschlichkeit angemessen ist», sagte das katholische Kirchenoberhaupt bei einer Ansprache vor Insassen des Flüchtlingslagers Moria auf Lesbos. Tausende warten dort hinter meterhohem Stacheldraht auf ihre Rückführung in die Türkei - so wie es der umstrittene EU-Flüchtlingspakt vorsieht.

In einer gemeinsamen Erklärung drückten Franziskus und die orthodoxen Kirchenführer Bartholomaios I. und Heronymus II. ihre tiefe Besorgnis über die tragische Situation der Flüchtlinge, Migranten und Asylsuchenden aus. «Die Welt kann die kolossale humanitäre Krise nicht ignorieren, die durch die Verbreitung von Gewalt und bewaffneten Konflikten entsteht», heißt es darin.

«Aus Lesbos appellieren wir an die internationale Gemeinschaft, mutig auf diese massive humanitäre Krise und ihre Gründe zu reagieren - durch diplomatische, politische und wohltätige Initiativen.» Solange es erforderlich sei, müssten alle Länder Menschen in Not vorübergehend Asyl gewähren. «Europa steht heute eine der schlimmsten humanitären Krisen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegenüber.»

Ausdrücklich wandte sich der Papst bei einem Treffen mit Inselbewohnern und der christlichen Gemeinschaft an die Verantwortlichen in Europa. «Europa ist die Heimat der Menschenrechte, und wer auch immer seinen Fuß auf europäischen Boden setzt, sollte das spüren, sollte diese Rechte respektieren und dafür kämpfen.» Migranten seien keine Nummer in der Statistik, sondern in allererster Linie Menschen mit Gesichtern, Namen und ihrer jeweiligen Lebensgeschichte.

Überraschend nahm er nach seiner mehrstündigen Visite drei muslimische Familien aus Syrien mit nach Rom. Die zwölf Flüchtlinge, darunter sechs Kinder, sollen nach Vatikanangaben vorerst im Kirchenstaat untergebracht werden. Kommentatoren werteten den Schritt als Kritik an einer Politik der Abgrenzung und der geschlossenen Grenzen in Europa.

«Wir sind alle Flüchtlinge», sagte der Papst bei einer Gedenkzeremonie im Hafen des Hauptortes Mytilini, Er übergab gemeinsam mit Bartholomaios und Hieronymus drei Kränze in Erinnerung an die getöteten Bootsflüchtlinge dem Meer.

Auf Lesbos harren etwa 4100 Flüchtlinge aus, die meisten von ihnen sollen in die Türkei zurückgebracht werden. Menschenrechtler kritisieren den Hotspot Moria als Internierungslager.

Franziskus begrüßte dort Dutzende minderjährige Migranten, die meist auf eigene Faust die gefährliche Überfahrt aus der Türkei zu den griechischen Inseln gewagt hatten. Einige Wartende trugen Plakate mit Slogans wie «Wir wollen Freiheit» und «Du bist unsere Hoffnung». Unter ihnen waren Jesiden, die von der Terrormiliz IS verfolgt werden, Pakistaner und Kurden. Eine Frau flehte den Papst an, er solle sie mitnehmen. Andere sagten, sie steckten in Griechenland fest, während ihre Familien in Deutschland seien

«Dies ist die Nachricht, die ich euch heute übermitteln möchte: Verliert die Hoffnung nicht!» sagte Franziskus in seiner Ansprache an die Schutzsuchenden. «Das größte Geschenk, dass wir einander machen können, ist Liebe: ein barmherziger Blick, die Bereitschaft, zuzuhören und zu verstehen, ein Wort der Ermutigung, ein Gebet.» Der griechisch-orthodoxe Erzbischof Hieronymus II. nannte die Flüchtlingskrise eine «Bankrotterklärung der Menschlichkeit und Solidarität» Europas.

In einem Zelt sprach der Papst mit Migrantenfamilien, gab vielen Männern die Hand. Kinder zeigten und schenkten dem Pontifex Zeichnungen aus ihrem Leben. Das Kirchenoberhaupt begrüßte die Frauen mit einem freundlichen Kopfnicken, die Hand gab er ihnen nicht - wohl aus Rücksicht auf kulturelle Gepflogenheiten in der islamischen Welt.

Einem weinenden jungen Mann legte er lange die Hand auf den Kopf. «Vater, gib mir Deinen Segen», flehte der Mann den Papst an. Einige Migranten schilderten Franziskus ihre schlimmen Erfahrungen, die sie vor ihrer Flucht gemacht hätten. Später stand ein Mittagessen mit Migranten im Lager Moria auf dem Programm.

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras nannte den Papst-Besuch ein «historisches Ereignis». Er kritisierte den Bau von Zäunen, die Staaten auf der Balkanroute errichteten, um die Menschen «davon abzuhalten, Sicherheit zu finden».