Paris in den Tagen danach: eine traurige, trotzige Stadt

Wieder die Kerzen, wieder die mutmachenden Sprüche auf bemalten Bettlaken und kleinen Zetteln. Und wieder diese Fassungslosigkeit in den Gesichtern der Menschen, die vor den Cafes und Bars stehen, in dem der Terror seine Spuren hinterlassen hat.

Denn die Terroristen schlugen dort zu, wo die Pariser durch die Nacht schwärmen, im angesagten Viertel im Osten der Stadt, ganz in der Nähe des malerischen Kanals Saint Martin. Diesmal galt der Terror keinem hochpolitischen Symbol wie beim Anschlag auf die Satirezeitung «Charlie Hebdo» im Januar. Diesmal ist es das normale Pariser Leben, das die Attentäter ins Visier genommen haben - und sie treffen Frankreich damit erneut ins Mark.

Es liegt eine Stille über diesen Plätzen, an denen der Schrecken eine neue Dimension erreicht hat. Trauende Pariser kommen auch am Sonntagabend in Scharen zusammen. Viele schweigen, einige weinen leise. Vor der Konzerthalle «Bataclan» und vor dem «La Belle Équipe» spielen sich ähnliche Szenen ab wie an der kleinen Kreuzung der Rue Alibert, an der zwei Tatorte nahe beieinander liegen.

«Hier wird nichts mehr so sein, wie es war», sagt Hermano, ein Tänzer, der das «Bataclan» mochte und dem nun die Tränen in den Augen stehen. Dort, wo vor allem junge Pariser nachts tanzen und feiern, richten die Angreifer am Freitagabend ein Massaker an: Sie schießen wild um sich, nehmen Geiseln während eines Konzerts der US-Band «Eagles of Death Metal», bevor sich einige Angreifer selbst in die Luft sprengen und Unschuldige mit in den Tod reißen.

«Mitten im Konzert sind Männer reingekommen, sie haben im Bereich des Eingangs zu schießen begonnen», sagt Konzertbesucher Louis dem Sender France Info. Sie hätten in die Menge geschossen und dabei «Allahu akbar» gerufen - «Allah ist groß». Für Frankreichs Regierung ist schnell klar: Die Terrormiliz Islamischer Staat steckt hinter den Taten.

Der Journalist Julien Pearce vom Radiosender Europe 1, der selbst im Saal war, berichtet: «Es waren zwei oder drei Leute, die nicht maskiert waren. Sie hatten Maschinengewehre wie Kalaschnikows dabei und haben sofort angefangen, wild um sich zu schießen.» Das sei von extremer Gewalt gewesen. «Die Attentäter hatten Zeit, mindestens drei Mal nachzuladen», sagt Pearce. «Sie waren nicht maskiert. Sie traten sehr beherrscht auf.»

Gleichzeitig spielen die Fußballnationalmannschaften von Frankreich und Deutschland vor knapp 80 000 Menschen im Stade de France, nördlich von Paris. Da sind plötzlich aus der Umgebung mehrere Explosionen zu hören. Als es das zweite Mal knallt, schaut Frankreichs Verteidiger Patrice Evra verstört nach oben. Das Spiel läuft weiter, schnell verbreiten sich aber unter den Zuschauern Gerüchte. Doch eine Panik bricht nicht aus. Weitgehend geordnet verlassen die Zuschauer das Stadion, in dem am 10. Juni die EM eröffnet und am 10. Juli 2016 beendet wird.

Es herrscht Ausnahmezustand in ganz Frankreich. Dem Grauen zu Trotz scheint Paris an den Tagen nach dem Terror aber gemeinsam zu stehen. Es zeigt Flagge und bäumt sich trotzig auf gegen den tödlichen Terror. Das wird nicht nur auf den Zetteln deutlich, die zwischen den Blumen und Kerzen liegen. «Wir haben keine Angst», ist am Platz der Republik zu lesen, an dem die Massen im vergangenen Januar auch nach dem «Charlie Hebdo»-Blutbad zusammenkamen. «Vive la France» und «Widerstand gegen die Barbarei», steht in Handschrift auf einem anderen.

Und abseits der Tatorte wirkt die Hauptstadt fast wie immer - nur weniger hektisch, weniger lebhaft. Für ihn seien die Angriffe weit weg, sagt ein Mann und betont: «Paris ist groß.» Und während vor den Sehenswürdigkeiten schwer bewaffnete Polizisten Streife gehen, spulen etliche Touristen ihr Programm ab, sie fotografieren sich vor dem gesperrten Eiffelturm, schlendern an der berühmten Pariser Oper entlang oder flanieren an der Seine - als wäre nichts geschehen in der Metropole.

«Alles sicher», sagt eine Frau am Schalter der Metro-Station Denfert-Rocherau. «Keine Sorge. Alles sicher», beteuert auch einer der Soldaten, die sich um den Jardin du Luxembourg herum postiert haben.

Nicht alle Touristen lassen sich dadurch beeindrucken, viele haben auch den Spaß verloren an einer Stadt, die sich verschließt: Ein Pärchen aus Bayern reist vorzeitig ab: «Die Geschäfte, die Museen, alles hat zu, für uns ist der Aufenthalt nicht mehr lohnenswert», sagt der Mann, der mit Partnerin und gepackten Koffern auf der Aussichtsplattform des Trocadero steht.

Für die Ermittler sind noch viele Fragen offen, doch klar ist: Dieser blutige Freitag der 13. ist für Frankreich der traurige Tiefpunkt eines Jahres, in dem immer wieder vereitelte oder erfolgreiche Anschlagspläne für Schlagzeilen sorgten. Tausende Soldaten sind zum Schutz gefährdeter Orte im Einsatz, das Parlament hat den Geheimdiensten neue Kompetenzen eingeräumt. Dass trotzdem mindestens sieben Attentäter in einer derart konzertierten Aktion zuschlagen konnten, dürfte noch für Diskussionen sorgen - zumal in zwei Wochen mehr als 100 Staats- und Regierungschefs zur UN-Klimakonferenz in Paris erwartet werden.

Hollande verspricht wieder einmal Härte: «Frankreich wird unerbittlich gegenüber den Barbaren von Daesh (IS) sein, weil es feige, schändlich, heftig angegriffen worden ist», sagt er. Das Militär des Landes kämpft in der Sahelzone gegen Islamisten, im Irak und Syrien fliegt es Angriffe gegen IS. Die neuerliche Terrorserie zeigt, wie verwundbar Frankreich daheim ist.