Pariser Baustellen-Philharmonie: Vom Traum zum Albtraum

Philharmonie eröffnet. Jean Nouvel boykottierte deshalb den Galaabend.

Das Konzerthaus öffne zu früh. Die architektonischen und technischen Anforderungen seien noch nicht erfüllt, schrieb der 69-jährige Stararchitekt in einem von ihm verfassten Artikel in der französischen Tageszeitung «Le Monde». Die 23 000 Quadratmeter große Philharmonie im Nordosten von Paris sorgt weiter für Schlagzeilen.

Das futuristisch anmutende Gebäude im Parc de la Villette ist atypisch. Je nach dem, wo man steht, gleicht es riesigen, ineinandergeschobenen Steinplatten oder einem Piratenhut. Die Alu-Fassade besteht aus 340 000 Vogelmotiven, die aus der Ferne glänzen wie Fischschuppen. Von dem 37 Meter hohen Dach soll der Besucher einen Blick auf ganz Paris haben - nach Ende der Bauarbeiten.

Die sechsgeschossige Philharmonie umfasst fünfzehn Proberäume unterschiedlichster Größe, ein Zentrum für Musikausbildung sowie ein Restaurant und Bars. Das Herz des «Centre Pompidou de la musique» bildet der große Saal mit einem Volumen von mehr als 30 000 Kubikmetern und 2 400 Sitzplätzen. Durch die ovale Form hat man von jeder der frei schwebenden und wellenförmigen Galerien Blick auf die zentrale Bühne.

«Immaterielle Musik- und Lichtschwaden» nennt Nouvel die Balkone, die über zwei Etagen verteilt im Raum hängen. Als Vorbild diente die von Hans Scharoun entworfene Berliner Philharmonie von 1963, die Nouvel zusammen mit den international bekannten Akustikern, dem Neuseeländer Harold Marshall und dem Japaner Yasuhisa Toyota, weiter entwickelt hat.

Noch vor der Grundsteinlegung im Jahr 2008 sorgte die Philharmonie für Aufsehen. Vor allem das Publikum des «Salle Pleyel» - des bis zum Bau der Philharmonie einzig großen symphonischen Konzertsaals der französischen Hauptstadt – im noblen 8. Arrondissement von Paris protestierte. Denn das neue Flaggschiff für Musik liegt in einem Arbeiterviertel an der Peripherie. Später kam der Komplex wegen Bauverzögerungen und Kostenexplosion ins Gerede. Die Eröffnung wurde von 2013 auf 2015 verschoben, und die Endrechnung kletterte von 200 Millionen Euro auf mehr als 380 Millionen.

Die Kostenexplosion wollten viele dem Architekten in die Schuhe schieben. All die zusätzlichen Kosten, unabhängig der eigentlichen Konstruktionskosten, gingen ihn nichts an, wehrte Nouvel ab, der sich in Paris mit dem Bau des Musée du Quai Branly und des Institut du monde arabe Denkmäler gesetzt hat.

Den Höhepunkt erreichte die Polemik am Mittwochabend mit dem Boykott eines zufiefst in seiner Ehre verletzten Architekten. Wie er in seinem «Le Monde»-Artikel weiter schrieb, werde er wegen der mangelnden Geringschätzung des Architekten des bedeutendsten französischen Kulturprojekts des 21. Jahrhunderts nicht an der Eröffnung teilnehmen.