Peinlichkeit, die ankommt: Lena Dunhams Memoiren

«Girls» machte Lena Dunham in den USA zum Star, sie wird gepriesen als neue Stimme der jungen Frauen. Auch in ihren gerade erschienen Memoiren setzt sie auf schonungslose Offenheit. Sind die Erzählungen von Sex, Scheitern und Selbstzweifel mehr als nur Nabelschau?

Peinlichkeit, die ankommt: Lena Dunhams Memoiren
Paul Buck Peinlichkeit, die ankommt: Lena Dunhams Memoiren

Als Lena Dunham (28) ein Kapitel aus ihren Memoiren vorlesen will, findet sie erst mal die Seite nicht. «Ich habe sie nicht markiert, das ist unprofessionell», stellt sie fest. «Sehr sogar, peinlich.» Dann liest sie: über die unzähligen Nackt-Selfies, die ihre Mutter geknipst hat, dass ihr Vater unrasierte Achselhöhlen mag und dass sie Nacktszenen nicht so gern dreht, wenn sie gerade Durchfall hat. Lena Dunham gilt als die neue Stimme der jungen Frauen. Aber was will sie mit solchen Geschichten eigentlich sagen?

Seit die Serie «Girls» 2012 in den USA ins Fernsehen kam, ist die Erfinderin, Regisseurin und Hauptdarstellerin Dunham dort ein Star. Mit dem üblichen Bild vom TV-Sternchen hat sie allerdings wenig bis nichts gemeinsam. Ein bisschen pummelig, ein bisschen x-beinig, die Haare mit leichtem Grünstich von der letzten Farbpackung, so sitzt Dunham am Freitagabend (31. Oktober) in London. Wie immer redet sie offen und fröhlich über Schwächen und Intimes: «Ich kotze schon nach einem halben Glas Wein» oder «Ich habe so eine Aphthe im Mund. Ich habe sie fotografiert und das Bild meiner Mutter geschickt.»

Lena Dunham hat das Unperfekte zur Marke gemacht - und damit cool. Das gilt für ihre Golden-Globe-gekrönte HBO-Serie, in der Hannah (Dunham) und ihre drei Freundinnen Jobs, Männer und Wohnungen verlieren, schlechten Sex haben und zu viel essen. Im Januar läuft die vierte Staffel in den USA an. Und es gilt für «Not That Kind of Girl», eine Art Autobiografie, für die Dunham vorab etwa 3,5 Millionen Dollar kassiert haben soll.

«Ich will klarstellen, dass ich mich nicht für eine Autorität in vielen Dingen halte - außer in Blamage», erklärt sie. Das Buch setzt sich aus Erinnerungen, Tagebucheinträgen, gesendeten und nicht gesendeten E-Mails sowie einigen Listen zusammen. Dunham erzählt von Angstzuständen und ersten Therapiestunden mit nur 9 Jahren, von Masturbation, Drogen, Diätversuchen, Sex mit netten und ziemlich abstoßenden Männern, und sie spart nicht an Details. «Die Anekdoten fühlen sich oft an wie abgelehnte "Girls"-Episoden», stellt der «Guardian» zurecht fest.

«Was ich im Leben so gelernt habe», heißt der Untertitel der Memoiren. Was das ist, erschließt sich nach rund 300 Seiten nicht unbedingt. Lernen soll aber der Leser, wie Dunham schreibt, aus ihren zahllosen Fehlern. Die seien alle gerechtfertigt, wenn sie anderen auch nur ein kleines bisschen helfen. Zum Beispiel dabei, unangenehmen Geschlechtsverkehr zu vermeiden.

So viel Nabelschau kann nerven, auch das gilt für Serie und Buch. Will man Menstruationsblut an Händen sehen und dass jemand in der Dusche angepinkelt wird? Will man seitenlange Listen dessen lesen, was die Autorin gegessen hat - Entgleisungen wie «1/4 Glas Erdnussbutter» inklusive? Aber andererseits: Wie viele Leserinnen haben selbst x-mal beschlossen, ab jetzt (oder morgen) nur noch gesund und in Maßen zu essen? Und wie viele sind daran gescheitert?

«Times»-Kolumnistin Caitlin Moran, die in London durch den Abend führt, bringt es auf den Punkt: «Girls macht, dass man sich normal fühlt.» Und dafür feiern die 2500 Zuhörer im Saal, von denen sicher 2000 Frauen sind, Dunham als Ikone des Nicht-Vollkommenen. Sie feiern auch eine Frau aus dem Publikum, die sich ans Mikrofon wagt. «Ich war in einer schrecklichen Ehe. Du hast mir die Kraft gegeben, das hinter mir zu lassen. Du bist meine Heldin», sagt die Schwarzhaarige. Auf der Bühne steigen Dunham die Tränen in die Augen. «Danke, Du weißt nicht, wie viel mir das bedeutet.»