Platonische Freundschaft: Karol Wojtyla und die Philosophin

Hunderte von Briefen, Jahrzehnte einer Freundschaft zwischen einer verheirateten Frau und einem Priester: Das kann der Stoff sein, aus dem Liebesgeschichten wie die «Dornenvögel» gestrickt werden oder eine intensive platonische Beziehung.

Platonische Freundschaft: Karol Wojtyla und die Philosophin
Martin Athenstädt Platonische Freundschaft: Karol Wojtyla und die Philosophin

Vor allem dann, wenn es sich bei dem Priester um Karol Wojtyla handelt, den späteren Papst Johannes Paul II. (1920-2005). Eine Koproduktion der britischen BBC und des deutsch-französischen Fernsehsenders Arte (zu sehen an diesem Dienstag um 20.15 Uhr) geht in einer Dokumentation den «Geheimnissen von Johannes Paul II» auf die Spur.

Die polnisch-amerikanische Philosophin Anna-Teresa Tymieniecka (1923-2014), die den späteren Papst in den 70er Jahren kennengelernt hatte, tauschte mehr als 300 Briefe mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche aus. Aus intellektuellen Betrachtungen über Philosophie und Theologie wuchs eine tiefe Freundschaft - und zumindest bei Tymieniecka, so wird in der Dokumentation von mehreren Zeitzeugen betont, könnten auch Liebesgefühle im Spiel gewesen sein.

Tymienieckas Freundschaft mit Karol Wojtyla begann mit der gemeinsamen Liebe zur Philosophie, doch auch auf Skitouren und Bergwanderungen wurde die Freundschaft mit dem naturverbundenen Kardinal vertieft.

Sprach er sie anfangs noch als «szanowna pani profesora» (verehrte Professorin) an, adressierte er sie später als «liebe Anna-Teresa». Als Karol Wojtyla zum Papst gewählt wurde, gehörte Tymieniecka zu den wenigen Menschen, die im Vatikan stets Zugang zu ihm hatten - bis zum Schluss. Sie sah ihn noch einmal kurz vor seinem Tod. 

Die Briefe werden seit 2008 in der polnischen Nationalbibliothek in Warschau aufbewahrt, doch bisher nie öffentlich präsentiert. Auch über den Inhalt der privaten Korrespondenz machte die Bibliothek nichts bekannt - ungewöhnlich in Polen, wo alles, was mit dem polnischen Papst zu tun hat, auch Jahre nach seinem Tod auf Interesse stößt. Kalender und Postkarten mit Porträts von Johannes Paul II. füllen nach wie vor Regale.

In der polnischen Heimat des 2014 heilig gesprochenen Wojtyla hat die Ankündigung der Dokumentation bisher keine Aufregung ausgelöst - vielleicht auch, weil die intensiv gepflegten Freundschaften des Papstes zu Männern und Frauen schon lange bekannt waren. Immer wieder einmal wurde gerätselt, ob im einen oder anderen Fall mehr als rein freundschaftliche Gefühle im Spiel gewesen sein könnten. Dass Johannes Paul II. das Zölibat gebrochen haben könnte, wird jedoch auch in der Dokumentation nicht behauptet.

Den Kirchenmännern im Vatikan, so berichten Freunde Tymienieckas in der Dokumentation, soll die langjährige Freundschaft zwischen dem Pontifex und der Philosophin dennoch ein Dorn im Auge gewesen zu sein. Nach dem Motto: Die theoretische Gelegenheit zu Sünde und Skandal ist schon zu viel.