Polit-Dokus sorgen für Kontroversen in Locarno

So viele Sicherheitsmaßnahmen wie am Dienstagabend beim 66. Internationalen Filmfestival Locarno gab es am Lago Maggiore wohl noch nie: Wachposten patrouillierten über die Piazza Grande der Kleinstadt, und die mehr als 8000 Besucher mussten sonst unübliche Absperrungen passieren.

Grund war die Aufführung von «L'Expérience Blocher». Die Dokumentation des Regisseur Jean-Stéphane Bron (Schweiz) entwirft ein Porträt des Politikers Christoph Blocher. Der eidgenössische Rechtspopulist ist umstritten wie kaum eine andere öffentliche Person in der Schweiz.

Blocher (72) gilt als Galionsfigur der SVP, der Schweizerischen Volkspartei. Regisseur Jean-Stéphane Bron hat den Anti-Europa-Agitator über viele Monate mit Kamera und Mikrofon begleitet. Doch es ist ihm nicht gelungen, hinter die Fassade des Nationalisten zu blicken. Der Film benennt Blochers Schattenseiten, wie etwa dessen Fremdenfeindlichkeit. Welche Auswirkungen seine Demagogie hat und wie er die Angst der so genannten kleinen Leute vor wirtschaftlichen Problemen schürt, wird jedoch nicht deutlich.

Schon vor seiner Uraufführung in Locarno hat der Film in der Schweiz für Unmut gesorgt. Vertreter der politischen Linken zum Beispiel fürchten einen Werbeeffekt für Blocher. Ärger löste auch aus, dass der Film mit staatlichen Geldern produziert wurde. Die Festivalleitung rechnete offenbar mit Protestaktionen. Doch das Publikum auf der Piazza Grande reagierte gelassen. Der Schlussbeifall kurz vor Mitternacht am Dienstagabend war nicht einmal mager.

«L'Expérience Blocher» lief, wie alle Filme des Piazza-Programms, außer Konkurrenz. Der italienische Filmessay «Sangue» startete hingegen im Wettbewerb um den Hauptpreis des Festivals, den Goldenen Leoparden von Locarno. Regisseur Pippo Delbono (Italien) dokumentiert Begegnungen mit dem nach Jahrzehnten aus der Haft entlassenen Ex-Terroristen Giovanni Senzani, einst ein führender Kopf der so genannten «Roten Brigaden».

Die Dokumentation wird in Locarno ebenfalls heftig diskutiert. Denn auch Delbono zeigt keinen eigenen Standpunkt. Allerdings stellt er einen Mann vor, der durch seine glaubwürdige Absage an den Terror für sich einnimmt. Kontra löst der Film vor allem deshalb aus, weil er zu wenig an Hintergrundwissen liefert. Wem die Verbrechen der «Roten Brigaden» Ende der 1970er und Anfang der 80er Jahre unbekannt sind, gewinnt keine tieferen Erkenntnisse.

Einig sind sich Befürworter wie Gegner der zwei Filme in einem: die Dokumentationen belegen die große Wirkung politischen Kinos für die öffentliche Diskussion und damit für die Meinungsbildung. Das Festival von Locarno endet am Samstagabend mit der Preisverleihung. Zuvor setzen deutsche Filmemacher noch einmal besondere Akzente: Regisseurin Sandra Nettelbeck mit ihrem neuen Film «Mr. Morgan's Last Love» und Regie-Star Werner Herzog. Er bekommt am Freitagabend einen Goldenen Ehrenleoparden für sein Lebenswerk.