Politikerreden auf der Theaterbühne

Win-Win-Situation, German Mittelstand, Migrantenselbstorganisation: Das sind einige der Sprachungeheuer, die deutsche Politiker hervorgebracht haben.

Politikerreden auf der Theaterbühne
Peter Steffen Politikerreden auf der Theaterbühne

Politiker, die reden, aber nichts sagen und Politiker, deren Worte Geschichte wurden - um sie und ihr Selbstverständnis kreist das Theaterstück «Sie können das alles senden», das am Sonntagabend am Schauspiel Hannover Premiere feierte und ein begeistertes Publikum zurückließ. Denn das von Regisseur Christoph Frick konzipierte Stück entblößt ein System, in dem die Phrase die Botschaft abgelöst hat. Dabei muss Frick nicht mal Politiker-Bashing betreiben - es reicht schon, sich an den Originalreden von Wulff, Wowereit und Konsorten zu bedienen.

Eine «bittere Erkenntnis» ist es, die sie da gewonnen haben, aber manche «Bereiche entziehen sich einer Beschleunigung». Als im Sommer 2012 Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit und Brandenburgs damaliger Ministerpräsident Matthias Platzeck erklären, dass der Berliner Flughafen nicht wie geplant Anfang Juli eröffnen kann, hat das mehr von Realsatire denn einer Pressekonferenz. Fast 15 Minuten reden die beiden Politiker von Verantwortung, Kenntnisständen und Sicherheit. Doch auf den klaren, deutlichen Satz, dass die Eröffnung verschoben wird, warten und warten die Zuhörer.

Verschleierung statt Aufklärung also. So lächerlich die Einlassungen Wowereits und Platzecks wirken, wenn sie Wort für Wort noch einmal wiedergegeben werden, so leer klingen auch die immer wiederkehrenden Politiker-Phrasen und Worthülsen, wenn sie auf einer Theaterbühne durcheinander gerufen werden: «Erklären Sie das mal den Menschen da draußen!», empört sich einer. «Ich werde mich dieser wichtigen Aufgabe widmen», verspricht ein anderer. Und mit hohlen Anglizismen wie «German Mittelstand» oder Sprachungetümern wie «Migrantenselbstorganisation» werfen sie alle um sich.

Stark ist das Stück aber nicht nur, wenn es die Sprache der Politiker als inhaltsleer entlarvt, sondern auch, wenn es das Gegenteil zeigt: große politische Reden. Die Eröffnungsrede der ersten Plenarsitzung in Bonn 1949 etwa zählt dazu. Bewegend sind auch die Worte des Schriftstellers und Bürgerrechtlers Stephan Heym vor dem Mauerfall am Berliner Alexanderplatz im November 1989. Sie wirken umso stärker, weil sie einer Bundestagssitzung gegenüberstellt werden. Dort ging es gerade um ein Gesetz zur Subventionierung in Sportvereinen - Banalität versus Weltgeschichte, Phrase versus Botschaft ist das.

Getragen wird das Stück von sieben Darstellern, die alle glänzen, wenn sie in ihre Mikrofone brüllen, bedeutungsschwer gestikulierend und schwitzend um ihre Deutungshoheit ringen. Besonders stark ist die Szene, in der verschiedene Rücktritte nachgespielt werden - etwa der von Ex-Bundespräsident Christian Wulff, Ex-FDP-Generalsekretär Christian Lindner oder Ex-Bundesbildungsministerin Annette Schavan.

Das Muster ist dabei stets gleich: die eigene Arbeit loben; betonen, dass man nichts falsch gemacht hat; erklären, dass man unter diesem Druck aber nicht weiterarbeiten kann und - natürlich - Dank an Mitarbeiter und Familie aussprechen. Oder wie Frick der Nachrichtenagentur dpa sagte: «Sie könnten die Rücktrittsreden von Schavan und Lindner mixen - Sie würden keinen Unterschied merken.»

Neben den Politikern kommt aber auch der Bürger zu Wort - von den Ansichten der Nichtwähler bis zum resignierten Alt-68er. Was «die da oben» eigentlich wollen, fragen sie. Und: Warum reden die so komisches Deutsch? Oder eben aber: Wann sind Politiker eigentlich mal alleine, wann haben sie Sex, wann schlafen sie?