Polizei stellt schwarzen Seat von Paris-Attentätern sicher

Nach der schlimmsten Anschlagserie in der Geschichte Frankreichs scheint mindestens einem Terrorkommando zunächst die Flucht gelungen zu sein. Ermittler stellten am Morgen ein Auto östlich von Paris sicher.

Polizei stellt schwarzen Seat von Paris-Attentätern sicher
Marius Becker Polizei stellt schwarzen Seat von Paris-Attentätern sicher

Nach Einschätzung der Polizei bedeutet dies, dass eines der drei Terrorkommandos fliehen konnte, wie der Sender Europe 1 berichtete. Unklar blieb, ob der oder die Täter weiter auf der Flucht sind, oder bereits am Samstag in Belgien gefasst wurden. Die Massaker mit 129 Todesopfern und mehr als 350 Verletzten vom Freitagabend waren nach ersten Ermittlungen eine minutiös koordinierte Kommandoaktion von Anhängern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Der sichergestellte schwarze Seat soll laut Ermittlern von den Terroristen benutzt worden sein, die vor mehreren Cafés und Restaurants im Zentrum von Paris wahllos Menschen erschossen.

Die Attacken wurden von einer noch unbekannten Zahl islamistischer Attentäter verübt. Die drei Terrorkommandos schlugen an sechs Orten in der französischen Hauptstadt nahezu gleichzeitig zu, schossen auf Menschen in Cafes und Restaurants, in der Konzerthalle «Bataclan» und sprengten sich während des Länderspiels Frankreich gegen Deutschland in der Nähe des Stadions in die Luft. Ein Terrorist wurde von der Polizei erschossen, die anderen zündeten ihre Sprengstoffgürtel. Zunächst war von acht getöteten Attentätern die Rede gewesen.

Ermittler nahmen weitere Angehörige der getöteten Selbstmordattentäter aus dem Konzertsaal «Bataclan» in Polizeigewahrsam, wie der französische Fernsehsender BFMTV am Sonntag berichtete. Dort hatten die Angreifer während eines Konzerts mindestens 80 Menschen getötet.

Womöglich wollten die Attentäter sogar ein noch größeres Blutbad anrichten. Nach einem Bericht des «Wall Street Journal» könnte ein Anschlag direkt in dem mit knapp 80 000 Fans besetzten Stadion geplant gewesen sein, in dem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Die Attentäter zündeten während des Spiels mehrere Sprengsätze in der Nähe des Stade de France, einer hatte vergeblich versucht, ins Stadion zu gelangen.

Frankreichs Präsident François Hollande sprach von einem «Kriegsakt» des IS und kündigte «angemessene Entscheidungen» an. Premierminister Manuel Valls sagte am Samstagabend dem Sender TF1: «Ja, wir sind im Krieg.» Frankreich werde handeln, um diesen Feind zu zerstören. «Wir ergreifen daher außergewöhnliche Maßnahmen. Und diesen Krieg werden wir gewinnen», schrieb Valls auf Twitter.

Im Internet war eine zunächst nicht verifizierbare Erklärung aufgetaucht, in der sich der IS zu den Anschlägen bekennt. Darin hieß es: «Eine treue Gruppe der Armee des Kalifats (...) griff die Hauptstadt der Unzucht und Laster an.» Frankreich wird außerdem angedroht: «Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen und eine Warnung.»

Der Pariser Staatsanwalt François Molins sagte, die Terroristen hätten bei ihren Taten Syrien und Irak erwähnt und seien in getrennten Kommandos vorgegangen. «Wahrscheinlich sind es drei koordinierte Teams von Terroristen, auf die diese Barbareien zurückgehen.» Die Attentäter benutzten Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow. Außerdem hätten sie die absolut gleiche Art von Sprengstoffwesten getragen, sagte Molins - «darauf ausgelegt, ein Maximum an Opfern zu erzeugen durch den eigenen Tod».

Im Irak und in Syrien beherrscht der IS große Gebiete. Frankreich fliegt Angriffe gegen Stellungen der Extremisten. Das Weiße Haus teilte mit, Sicherheitsberater von Präsident Barack Obama sähen nichts, was der französischen Einschätzung widersprechen würde, dass der IS für die Terrorserie verantwortlich sei.

Der Vater und der Bruder eines Attentäters aus dem «Bataclan» wurden am Samstagabend in Gewahrsam genommen, wie die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Ermittlungskreise meldete. Der Bruder des 29-jährigen Attentäters lebt demnach in einem Ort südlich von Paris, der Vater gut 100 Kilometer weiter östlich.

Die Anschläge sind die schlimmste Terrorserie in Europa seit mehr als zehn Jahren. Im März 2004 waren bei mehreren Anschlägen auf Züge in Madrid 191 Menschen getötet und annähernd 2000 verletzt worden - auch diese Anschläge gingen auf das Konto islamistischer Terroristen.

Die Anschläge von Paris ereigneten sich nur zehn Monate nach dem Attentat auf die Satirezeitung «Charlie Hebdo». Das Auswärtige Amt hatte auch am Sonntagmorgen noch keine Gewissheit darüber, ob unter den Opfern auch Deutsche sind.

In Belgien wurden bei einer Razzia der Polizei im Brüsseler Einwanderer-Stadtteil Molenbeek mehrere Menschen festgenommen. Einer soll am Freitagabend in der französischen Hauptstadt gewesen sein. Details nannte die Staatsanwaltschaft nicht. Die Pariser Behörden hätten in vier konkreten Fällen um Amtshilfe gebeten. Unter anderem sei es dabei um Informationen zu einem in Belgien angemeldeten Mietwagen gegangen, der in der Nähe des Pariser «Bataclan» gefunden wurde.

Bei einem der Attentäter von Paris wurde ein syrischer Pass gefunden, berichtete die AFP unter Berufung auf Polizeikreise. Nach offiziellen Angaben aus Athen soll er Anfang Oktober als Flüchtling aus der Türkei nach Griechenland gekommen sein.

Die deutschen Behörden gehen nach Angaben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière mit Hochdruck möglichen Bezügen nach Deutschland nach. Der CDU-Politiker verwies auf den Fall eines 51 Jahre alten Autofahrers, der möglicherweise auf dem Weg nach Paris vor gut einer Woche in Oberbayern mit einem großen Waffen-Arsenal aufgeflogen war. Der Fall werde gerade aufgeklärt, betonte der Minister nach einer Krisensitzung im Kanzleramt. «Es gibt einen Bezug nach Frankreich, aber es steht nicht fest, ob es einen Bezug zu diesem Anschlag gibt.» De Maizière betonte, die Lage sei ernst: «Auch Deutschland steht unverändert stark im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus.»

In Deutschland werden die Sicherheitsmaßnahmen ausgeweitet. Es werde in den nächsten Tagen eine für die Bürger sichtlich erhöhte Polizeipräsenz geben, kündigte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) am Samstagabend in der ZDF-Sendung «Maybrit Illner Spezial» an.