Polleschs «Rocco Darsow» in Hamburg: Wer liebt, wird Alien

Flott swingende Musik und eine pastellfarbene Riesentorte verziert mit einem Hundekopf.

Polleschs «Rocco Darsow» in Hamburg: Wer liebt, wird Alien
Bernd Settnik Polleschs «Rocco Darsow» in Hamburg: Wer liebt, wird Alien

Ein riesiger, schwarz glänzender Schädel, der die Torte krönt und ein Mann im Smoking (Martin Wuttke), der zu anschwellenden Klängen wild fuchtelnd scheinbar ein Orchester dirigiert. In der Theaterwirklichkeit steht er vor einer Leinwand, auf der die Zuschauerreihen abgebildet werden. Vier Akteure - neben Wuttke noch Sachiko Hara, Bettina Stucky und Christoph Luser - eilen sodann in den Schädel, der sich dreht und angeblich ein Tonstudio darstellt, alle beginnen, emphatisch wirr zu reden. «Weißt du, wenn du mir plötzlich deine leidenschaftliche Liebe gestehst, dann bist du wie ein Alien», lautet so ein Satz ihrer ausufernden Wortkaskaden. 

René Pollesch hat es wieder getan: Der Berliner Kultautor und  Regisseur (52), der bereits zahlreichen seiner postdramatischen Unverständlichkeitsrevuen Bühnenleben eingehaucht hat, brachte am Freitagabend im Deutschen Schauspielhaus Hamburg «Rocco Darsow» zur Uraufführung. Unter lautem Jubel feierte im ausverkauften Malersaal das Publikum - darunter viel junge Szene und Kollegen wie Polleschs Leading Lady Sophie Rois - die kurzweilige gut einstündige, auch mit Gesangseinlagen aufgepeppte Szenenfolge (Bühne: Janina Audick). Wieder einmal geht es um die Pollesch-typische Thematik menschlicher Uneigentlichkeit im Medien- und Internetzeitalter. Alte Kernwerte wie Liebe, Identität, Echtheit und Gegenwärtigkeit straucheln dabei tragikomisch über den Tortenrand.

Das Darstellerquartett brilliert nicht nur bei der Bewältigung der Textmassen - wenngleich die Souffleuse praktischerweise gleich mit auf dem Konditoreiprodukt hockt und gelegentlich zum Einsatz kommt. In einem Outfit, das wie ein Mix aus Cowboy-Kluft und Anime-Prinzessinnenkleid aussieht, intoniert etwa Hara auch zart und inbrünstig die Schnulze «Sweet Memories» auf Japanisch.

Pollesch, Absolvent des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen und Träger des Mülheimer Dramatikerpreises, feierte große Erfolge unter anderem an der Berliner Volksbühne sowie zur Ära des Intendanten Tom Stromberg am Hamburger Schauspielhaus.

Dort hatte er zuletzt 2012 seinen postmodernen Western «Neues vom Dauerzustand» mit Sophie Rois präsentiert.