Porträt: Hoffnungsträger Alexis Tsipras

Alexis Tsipras hat sich in den vergangenen Tagen oft lächelnd präsentiert. Seine erhobene, geballte Faust wurde zu seinem Markenzeichen. Nun kann sich der Chef des Linksbündnisses Syriza mit dem Sieg bei der Parlamentswahl in Griechenland einen Traum erfüllen.

Porträt: Hoffnungsträger Alexis Tsipras
Michael Kappeler Porträt: Hoffnungsträger Alexis Tsipras

Sein Stil ist unverkennbar: Offener Hemdkragen, gewinnendes Lächeln. Er trägt nie Krawatten. Damit wolle er erst anfangen, wenn er einen Schuldenschnitt für sein Land erreicht habe, sagt der 40-Jährige.

Wer dem Vorsitzenden der griechischen Linkspartei Syriza begegnet, hat wenig Gründe, ihn nicht zu mögen. Seinen Anhängern und Freunden vermittelt er ein gutes Gefühl. Tsipras ist redegewandt, gibt sich freundlich und umgänglich. Auf dem jugendlich wirkenden Politiker ruhen nun große Hoffnungen.

Viele Griechen, die ihren Job verloren haben und sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder machen, versprechen sich von ihm echte Verbesserungen im Alltag. Tsipras kennt diese Erwartungen. «Ab morgen beginnt die harte Arbeit», sagte «O Alexis» (Der Alexis), wie er von seinen Anhängern genannt wird, in der Wahlnacht. Er muss sehr bald konkrete Ergebnisse präsentieren.

Unmittelbar nach dem Wahlsieg signalisierte er den internationalen Geldgebern Gesprächsbereitschaft. «Es wird keinen katastrophalen Streit geben», sagte er vor jubelnden Anhängern. Und schickte gleich eine Warnung hinterher: Griechenland werde sich dem Diktat der internationalen Kreditgeber nicht länger «unterwerfen».

Tsipras hat große Ziele über Griechenland hinaus: Im Wahlkampf kündigte er an, eine Allianz gegen Deutschland schmieden zu wollen. Spanier, Portugiesen, Italiener, Franzosen und Griechen sollen sich erheben und gegen das Spardiktat aus Berlin kämpfen, betonte er immer wieder.

Daheim ist Tsipras in den vergangenen zehn Jahren bereits ein politisches Meisterstück gelungen: Unter seiner Führung erlebte das Bündnis der radikalen Linken (Syriza) einen fulminanten Aufstieg - von 4,6 Prozent im Jahr 2009 auf 26,9 Prozent 2012. Am Sonntag wurde sein Linksbündnis nun stärkste Kraft im Land.

Der Polit-Star hat viele Gesichter. Zu Anfang, in den ersten Jahren seiner Syriza-Präsidentschaft, gab er ganz den Kommunisten, forderte die Verstaatlichung der Produktionsmittel des Landes. Zuletzt kopierte Tsipras den früheren griechischen Sozialistenführer Andreas Papandreou. Endlich werde das Volk an die Macht kommen, mit ihm und seiner Linksregierung, versprach Tsipras - so wie Papandreou 35 Jahre zuvor.

Wenn Tsipras vom Wahlkampfpodium herab spricht, ist dies wie eine große Umarmung seiner Anhänger. In der Wahlnacht ließ er seine Anhänger lange warten. Während Tausende schon auf den Straßen feierten, hielt sich Tsipras noch zurück. Als er sich schließlich zeigte, kannte der Jubel kaum Grenzen.

Tsipras kann bei der alten Generation der Linken bis hin zu den Kommunisten punkten - bei all denjenigen, die seit Jahrzehnten auf eine sozialistische Wende warten und immer wieder enttäuscht wurden. Gleichzeitig spricht und feuert er auch die junge Generation an. Es sei endlich an der Zeit, einen Schlussstrich unter das Klientelsystem der Konservativen und Sozialisten zu ziehen, die seit 1974 Griechenland regieren.

Seine politische Laufbahn begann Tsipras in den 1990er Jahren als Anführer von Schülerprotesten. Schnell stieg er bis an die Spitze der «Eurokommunisten» in Griechenland auf - einer damals vor allem in südeuropäischen Ländern starken Reformbewegung, die sich von dem Erneuerer der italienischen KP, Enrico Berlinguer, inspirieren ließen. 2004 wurde Tsipras zum Präsidenten des linken Wahlbündnisses Syriza gewählt.

Mitunter kann der Vater zweier Kindern, der mit seiner Lebensgefährtin in einer Partnerschaft lebt, auch verletzend sein. Verächtlich äußert er sich über die Vorsitzenden der griechischen Traditionsparteien, Antonis Samaras (Konservative) und Evangelos Venizelos (Sozialisten). Für ihn sind sie «politische Verräter» und «Merkelisten» - Leute, die einer Kanzlerin Angela Merkel nichts entgegenzusetzen hätten.