Proteststurm in Brasilien: Chaos, Verletzte und Straßenschlachten

Die Proteste in Brasilien weiten sich aus. Schätzungsweise eine Million Menschen gingen in der Nacht zum Freitag in etwa 100 Städten des südamerikanischen Landes auf die Straße.

Proteststurm in Brasilien: Chaos, Verletzte und Straßenschlachten
Marcelo Sayao

Die Demonstranten forderten ein besseres Gesundheits- und Bildungssystem und eine Ende der Korruption. Vielfach endeten die Demonstrationen in Gewalt. Ein Mensch kam ums Leben, vermutlich Hunderte wurden verletzt.

In vielen Städten gerieten die Proteste außer Kontrolle - es kam zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Präsidentin Dilma Rousseff verschob eine für Sonntag geplante Reise und berief für Freitagvormittag (Ortszeit) eine Krisensitzung ein.

In Rio de Janeiro wurden 44 Menschen verletzt, in Brasília über 100. Viele erlitten Verletzungen durch Gummigeschosse der Polizei oder hatten Atemwegsbeschwerden durch Tränengas-Granaten.

Die größten Proteste gab es in Rio mit rund 300 000 Menschen. Die Allermeisten demonstrierten völlig friedlich und zogen durch das Zentrum der Stadt in Richtung Amtssitz des Bürgermeisters. Doch die Situation eskalierte, als die Polizei Tränengas-Granaten auf den Protestzug abfeuerte. Anschließend kam es zu Straßenschlachten. Randalierer setzten im Verlauf der Nacht Autos in Brand, rissen Zäune um und steckten Plastikplanen in Brand.

Die Polizei war mit berittenen Einheiten und gepanzerten Fahrzeugen im Einsatz und ging brutal gegen die Demonstranten vor.
«Die Polizei hat komplett die Kontrolle verloren und ist unfähig, mit solchen Demonstrationen umzugehen», sagte die Kollegin eines TV-Reporters, der durch ein Gummigeschoss am Kopf verletzt wurde.

Bei Protesten in Ribeirão Preto, rund 300 Kilometer von São Paulo entfernt, wurde ein 18-Jähriger getötet. Ein Autofahrer, der sich offenbar weigerte, an einer von Demonstranten errichten Barrikade zu halten, erfasste ihn mit seinem Wagen. In São Paulo gingen über
100 000 Menschen auf die Straße. Dort verliefen die Proteste weitgehend friedlich.

Zusammenstöße gab es in mindestens zehn weiteren Städten, darunter in der Hauptstadt Brasília, wo 30 000 Menschen an einen Protestzug durchs Regierungsviertel teilnahmen. Auch dort setzte die Polizei massiv Tränengas und Gummigeschosse ein. Tausende zogen vor das Außenministerium, besetzten dort eine Rampe und zündeten direkt an dem Ministerium ein großes Feuer an.

Der Historiker Francisco Carlos Teixeira von der Universiät Rio verwies am Freitag in einem TV-Gespräch auf die breite Agenda der Demonstranten. «Aber das "Nein zur Korruption" wird von den Allermeisten zuerst genannt. Die Korruption ist die zentrale Frage, und wir haben es hier mit einer nationalen Bewegung zu tun.» Er kritisierte die «brutale Antwort» der Polizei auf das Verhalten der Randalierer, bei den es sich um Autonome und Anarchisten handele. «Wir können Vandalismus nicht mit Vandalismus beantworten.»

In Campinas bei São Paulo kam es an einer Straßenkreuzung zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Demonstranten. In Salvador im Bundesstaat Bahia, wo am Donnerstag eine Partie des Confederations Cups ausgetragen wurde, setzten Randalierer einen Bus in Brand und beschädigten zwei Mini-Busse des Fußball-Weltverbandes FIFA. Die Protestaktionen in über 100 Städten des Landes waren vor allem über das Internet koordiniert worden.

Präsidentin Rousseff verschob wegen der Demonstrationen eine für Sonntag geplante Reise nach Japan. Auch ein für Freitag geplanter Termin der Staatschefin in Salvador wurde abgesagt. Die Präsidentin ziehe es derzeit vor, nicht eine ganze Woche außerhalb des Landes zu sein, sagte ihr Sprecher. Für Freitag berief sie eine Dringlichkeitssitzung in Brasília ein, an der auch Justizminister José Eduardo Cardozo teilnehmen sollte.