Prozess gegen Kino-Amokläufer von Aurora

Es ist ein Mammut-Prozess und ein besonderer noch dazu. Im US-Staat Colorado steht ein mutmaßlicher Amokläufer vor Gericht. Angehörige fürchten, dass die Frage nach seiner Schuldfähigkeit das Schicksal der Opfer in den Schatten drängt - und alte Wunden aufreißt.

Zweieinhalb Jahre nach dem blutigen Amoklauf in einem Kino im US-Staat Colorado wird dem mutmaßlichen Täter der Prozess gemacht. Der heute 27-jährige James Holmes soll während der nächtlichen Vorführung eines neuen «Batman»-Films in der Stadt Aurora 12 Menschen erschossen und 58 verletzt zu haben. Die meisten Opfer waren junge Leute. Zum Auftakt des Prozesses in Centennial sollte am Dienstag die langwierige Geschworenenauswahl anlaufen. Nach Gerichtsangaben ist mit den Eröffnungsplädoyers nicht vor Juni zu rechnen, mit einem Urteil wohl kaum vor dem Jahresende.

Amokläufer überleben selten, meist töten sie sich nach ihren Taten selbst oder werden von der Polizei erschossen. Daher ist der Prozess gegen den mutmaßlichen Kino-Mörder von Aurora eine Rarität. Sollte Holmes für schuldig befunden werden, droht ihm die Todesstrafe.

Die Verteidiger haben in seinem Namen auf «nicht schuldig» plädiert - wegen Unzurechnungsfähigkeit. Und darum wird sich der Prozess auch weitgehend drehen: War der Schütze zur Tatzeit schuldfähig, kann er zur Rechenschaft gezogen werden? Spricht ihn die Geschworenenjury frei, würde Holmes wohl in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Die Schwierigkeit des Prozesses und schwere Verantwortung des Gerichts spiegeln sich in der Jury-Auswahl wider. Die Geschworenen werden aus einer Gruppe von 9000 Kandidaten ausgesucht: Das ist einer der größten Jury-Pools in der Rechtsgeschichte der USA. Die ersten Kandidaten wurden am Mittag (Ortszeit) im Arapahoe County District Court in Centennial erwartet. Jeder muss zunächst einen Fragebogen ausfüllen, die direkte Befragung der Kandidaten wird erst Mitte Februar beginnen.

Für die Angehörigen ist das Verfahren äußerst schwierig. Megan Sullivan setzt sich manchmal in den Kinosessel, in dem ihr Bruder Alex erschossen wurde. Er feierte seinen 27. Geburtstag mit der «Batman»-Vorstellung. Monatelang werde die Gemeinschaft das Trauma des Amoklaufs wieder durchleben müssen, fürchtet die 28-Jährige.

Die Tat hätte einem Horrorfilm entspringen können: Mit Gasmaske und Schutzweste vermummt drang der Täter am 20. Juli 2012 in das Kino ein, warf Rauchbomben, versprühte Tränengas. Einige Kinobesucher glaubten zunächst, alles sei nur ein ganz besonderer Werbegag - bis die tödlichen Schüsse durch das Kino peitschten. Zehn Menschen starben noch im Kino - unter ihnen ein sechsjähriges Mädchen. «Unsere Gemeinschaft leidet immer noch», sagt Tiina Marie Coon, deren Sohn Tanner den Amoklauf überlebte. Gemeinsam mit Megan Sullivan kämpft sie für ein dauerhaftes Denkmal für die Opfer.

Medienberichten zufolge hat die Verteidigung im Vorfeld des Prozesses angeboten, dass sich ihr Mandant schuldig bekennt - wenn die Staatsanwaltschaft im Gegenzug auf die Forderung nach der Todesstrafe verzichtet. Doch aus einem solchen Deal wurde bisher nichts.

Die Ankläger wollen im Prozess betonen, dass Holmes seine Tat monatelang plante, sich ein Waffenarsenal sowie Tausende Schuss Munition zulegte und seine Wohnung mit mehreren Sprengfallen versah, die ganz offensichtlich für die Ermittler gedacht waren. Das lasse auf scharfen Verstand und Schuldfähigkeit schließen.

Die Verteidigung sieht das anders: Holmes habe den Amoklauf während einer psychisch besonders schwierigen Phase begangen. So habe sich Holmes vor seiner Tat einer Psychologin der Universität offenbart - diese habe die Universität über die Gefährlichkeit des jungen Mannes unterrichtet. Medienberichten zufolge hatte sich der Schütze der Polizei nach dem Blutbad mit dem Hinweis ergeben, er sei der Bösewicht und «Batman»-Gegenspieler «Joker».