Putin-Gegner Chodorkowski in Berlin - Freiheit nach jahrelanger Haft

Vom russischen Straflager in die Freiheit nach Deutschland: Der Kremlgegner Michail Chodorkowski, Russlands berühmtester Gefangener, ist nach mehr als zehn Jahren Haft freigekommen und unmittelbar nach Berlin gereist.

Chodorkowski landete am Freitagnachmittag auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld, wo ihn Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher in Empfang nahm. Der FDP-Politiker bestätigte der Nachrichtenagentur dpa die Ankunft des früheren Öl-Milliardärs.

Verwirrung gab es über den Grund für Chodorkowskis Reise nach Deutschland. Chodorkowski habe darum gebeten, weil dort seine krebskranke Mutter behandelt werde, teilte die russische Strafvollzugsbehörde mit. «Seiner Bitte wurde entsprochen», hieß es.

Chodorkowskis Mutter selbst sagte dagegen der russischen Staatsagentur Itar-Tass, sie sei momentan in Russland. Sie sei vor einiger Zeit in Deutschland behandelt worden. «Aber ich bin in Romaschkino im Gebiet Moskau.» Ihr Sohn habe sich bisher nicht bei ihr gemeldet, sagte die 79-Jährige. «Ich weiß nicht, warum sie mitteilen, dass Michail zu mir nach Deutschland geflogen ist».

Chodorkowski kam mit einem Firmenflugzeug der Unternehmensgruppe OBO Bettermann aus Menden im Sauerland nach Berlin, das Genscher organisiert hatte. An der Ausreise waren auch die deutsche Botschaft in Moskau und das Auswärtige Amt beteiligt.

Kremlchef Wladimir Putin hatte den 50-Jährigen am Morgen mit einem Ukas begnadigt. Kurz danach verließ der einst reichste Mann Russlands gegen 12.20 Uhr Ortszeit (9.20 Uhr MEZ) das Straflager nahe der Grenze zu Finnland. Der Kremlchef machte humanitäre Gründe für die Freilassung seines seit 2003 inhaftierten Gegners geltend. «Seine Mutter ist krank», hatte er am Vortag gesagt.

Chodorkowski hätte regulär nach zwei international umstrittenen Urteilen im August 2014 wieder in Freiheit kommen sollen. Ein Begnadigungsgesuch hatte er stets abgelehnt, weil damit nach Kremlangaben ein Schuldeingeständnis verbunden ist.

Der frühere Chef des einst größten russischen Ölkonzerns Yukos war unter anderem wegen Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Diebstahls verurteilt worden. Nun verließ er offenbar mit einem Hubschrauber das Straflager.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) begrüßte die Freilassung Chodorkowskis. «Sie freut sich sehr», sagte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte: «Das ist eine gute Nachricht.» Die Gespräche mit Russland über Rechtsstaat und Menschenrechte müssten aber auch in den nächsten Jahren mit Engagement weitergeführt werden.

Chodorkowski, der die zunehmende Korruption unter Putin kritisiert und auch die Opposition finanziert hatte, hält die Verfahren gegen sich bis heute für politisch gesteuert. Dass er nun freikommt, gilt als beispielloses Zugeständnis des Kremls an den Westen vor den Olympischen Winterspielen, die am 7. Februar in Sotschi am Schwarzen Meer eröffnet werden. «Der zeitliche Zusammenhang ist offenbar», sagte Steinmeier.

Russland sah sich zuletzt zunehmend wegen der Menschenrechtslage unter Druck. Mehrere Politiker, darunter US-Präsident Barack Obama und Bundespräsident Joachim Gauck, hatten angekündigt, auf Reisen in den Schwarzmeerort Sotschi zu verzichten. Kommentatoren in Russland nannten die Nachricht von der Begnadigung Chodorkowskis eine «handfeste Sensation».

Putin hatte am Donnerstag überraschend von einem Gnadengesuch Chodorkowskis gesprochen. Die Zeitung «Kommersant» berichtete, dass sich Geheimdienstmitarbeiter mit Chodorkowski im Straflager getroffen hätten, um den Straferlass auf den Weg zu bringen. Auch die Anwälte des einst reichsten Russen waren überrascht worden von der Nachricht.

Menschenrechtler lobten Putins Schritt und boten Chodorkowski eine führende Rolle beim Aufbau der Zivilgesellschaft in Russland an. Die Freilassung sei ein ermutigendes Signal für eine «Gesundung» der russischen Gesellschaft. Sie gebe Hoffnung, dass sich das internationale Ansehen des Landes verbessere, teilten die Menschenrechtsbeauftragten Wladimir Lukin (Regierung) und Michail Fedotow (Kreml) mit.