Putin wirft Westen Heuchelei vor

Kremlchef Wladimir Putin hat im Ukraine-Konflikt dem Westen in scharfem Ton Heuchelei vorgeworfen. Moskau werde nur als Partner akzeptiert, falls es gehorsam sei. «Wenn sich Russland das Recht nimmt, seine Interessen zu schützen, ändert sich das Verhältnis sofort», sagte er der Agentur Tass.

Putin erinnerte an den ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin. Dieser sei vom Westen «mit Hurra aufgenommen» worden. «Kaum erhob er aber (1999) die Stimme zum Schutz Jugoslawiens, verwandelte er sich in westlichen Augen in einen Alkoholiker», meinte er in dem am Sonntag veröffentlichten Interview.

Putin schloss eine Kandidatur bei der für 2018 geplanten Präsidentenwahl erneut nicht aus. «Ja, es gibt die Möglichkeit meiner Kandidatur für eine weitere Amtszeit. Ob dies geschieht, weiß ich noch nicht», sagte der 62-Jährige. «Ich werde den allgemeinen Kontext anschauen, meine inneren Gefühle.» Umfragen zufolge ist der Kremlchef derzeit bei der Bevölkerung so beliebt wie lange nicht - wohl auch wegen der von Staatsmedien befeuerten Konfrontation mit dem Westen.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow warf den USA und der EU vor, einen Sturz der Führung in Moskau anzustreben. Die westlichen Sanktionen gegen Russland sollten die Wirtschaft zerstören und Straßenproteste provozieren. Lawrow betonte, Moskau wolle zwar nicht auf die Zusammenarbeit mit der EU verzichten. Eine baldige Rückkehr zu besseren Beziehungen sei aber unmöglich.

Der Westen hat Sanktionen gegen Russlands Energie-, Finanz- und Rüstungssektor verhängt, um das Land im Ukraine-Konflikt zum Einlenken zu bewegen. Im Gegenzug verbot Moskau die Einfuhr von Lebensmitteln aus den USA und der EU.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) warnte vor einer dauerhaften Abspaltung der Unruheregion Ostukraine vom Rest des krisengeschüttelten Landes. Er vertraue den Zusagen Russlands, die Einheit der Ukraine zu achten, sagte er dem Magazin «Spiegel». Allerdings spreche die Realität «eine andere Sprache».

Steinmeier hatte vor wenigen Tagen im Kreml mit Putin und zuvor in Kiew mit der proeuropäischen Führung über den Konflikt verhandelt. Die Ukraine und der Westen werfen Russland vor, die Separatisten mit Kämpfern und Waffen zu versorgen. Moskau bestreitet dies vehement.

Russland wolle sich durch die Ukraine-Krise nicht in die Isolation drängen lassen, sagte Putin. «Ein Eiserner Vorhang würde uns zum Verhängnis werden.» Das Land werde aber seine Interessen verteidigen. Dies gelte auch bei dem völkerrechtlich umstrittenen Beitritt der Halbinsel Krim zu Russland. «Weil wir stärker sind. ... Weil wir im Recht sind. Die Kraft liegt in der Wahrheit. Wenn ein Russe sich im Recht fühlt, ist er unbesiegbar», sagte der Präsident. Die Annexion der ukrainischen Krim bezeichnete er als «strategische Lösung».

Die Ukraine erhält für ihren Kampf gegen Separatisten Kriegsgerät aus den USA. Washington liefere unter anderem Radareinrichtungen zur Artillerieaufklärung sowie Nachtsichtgeräte, meldeten Medien in Kiew.

In der Ostukraine kam es trotz einer offiziellen Waffenruhe erneut zu Kämpfen zwischen Regierungseinheiten und Rebellen. Mindestens vier Soldaten seien getötet worden, teilte die Führung in Kiew mit. Nach Schätzungen starben seit April in der Region mehr als 4300 Menschen.

Vier Monate nach dem Absturz der Passagiermaschine MH17 wurde in der Ostukraine die Bergung von Wrackteilen abgeschlossen. Von der Stadt Charkow aus sollen die Trümmer nun in die Niederlande gebracht werden, wo Experten nach der Ursache der Tragödie forschen. Beim Absturz waren im Juli alle 298 Menschen an Bord ums Leben gekommen.