Putschversuch gegen Erdogan: Dramatische Nacht in der Türkei

Dramatische Stunden in der Türkei: Nach einem Putschversuch von türkischen Streitkräften gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan haben sich in der Nacht die Ereignisse überschlagen. Es gab Berichte über Tote und Verletzte sowie schwere Explosionen in Istanbul und Ankara.

Putschversuch gegen Erdogan: Dramatische Nacht in der Türkei
Tolga Bozoglu Putschversuch gegen Erdogan: Dramatische Nacht in der Türkei

Die türkische Regierung behauptete am frühen Morgen, den Putschversuch abgewendet zu haben. Ministerpräsident Binali Yildirim sagte nach Angaben aus dem Präsidialamt: «Die Situation ist weitgehend unter Kontrolle.» Allerdings war die Lage auch am frühen Morgen noch völlig unübersichtlich. Erdogan ist ein wichtiger, aber umstrittener Partner der Europäischen Union in der Flüchtlingskrise.

Berichten zufolge gab es am frühen Morgen in Istanbul noch Gefechte. Außerdem drangen Soldaten in das Redaktionsgebäude des Sender CNN Türk in Istanbul ein, der Sender wurde geräumt. Aus dem Studio des Senders waren Schüsse und laute Tumulte zu hören.

Aus dem Präsidialamt hieß es, bei den Putschisten handele es sich «um eine kleine Gruppe» von Offizieren aus der Gendarmerie und der Luftwaffe, die der Bewegung des im US-Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen nahestünden. Ein Sprecher des türkischen Geheimdienstes MIT sagte dem Sender CNN Türk, der Putschversuch sei «abgewendet».

Der türkische Staatspräsidenten Erdogan wollte nach Darstellung seines Sprechers vom frühen Morgen «in den nächsten Stunden» ein Statement zu dem Putschversuch abgeben. Während des Putschversuchs hatte es aus dem Präsidialamt geheißen, der Präsident sei in der Türkei und in Sicherheit. Er sei nicht abgesetzt. Am frühen Morgen wurde Erdogan nach seiner Ankunft in Istanbul von zahlreichen Anhängern am Atatürk-Flughafen empfangen, wie der türkische Sender NTV berichtete.

Am späten Freitagabend hatten türkische Streitkräfte mit einem Putschversuch gegen Erdogan begonnen, wie das Militär nach Angaben der privaten Nachrichtenagentur DHA mitteilte. Das Präsidialamt und Regierungsvertreter bestritten dies allerdings. Erdogan rief in einem live übertragenen Telefonanruf beim Sender CNN Türk das Volk zu öffentlichen Versammlungen gegen die Putschisten auf.

«Das ist ein Angriff gegen die türkische Demokratie», hatte das Präsidialamt mitgeteilt. «Eine Gruppe innerhalb der Streitkräfte hat außerhalb der Kommandostruktur einen Versuch unternommen, die demokratisch gewählte Regierung zu stürzen.»

In Istanbul waren nach Augenzeugenberichten Schüsse in den Straßen zu hören. Kampfjets flogen im Tiefflug über die Stadt. Gegen 02.40 Uhr Ortszeit (01.40 MESZ) wurde Istanbul von einer schweren Explosion erschüttert.

Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, bei einem Luftangriff der Putschisten auf das Hauptquartier der Spezialkräfte der Polizei in Ankara seien 17 Polizisten getötet worden. Außerdem sei ein Hubschrauber der Putschisten in Ankara von F-16-Kampfflugzeugen abgeschossen worden.

Die Nachrichtenagentur DHA berichtete, in Istanbul seien sechs Zivilisten durch Schüsse getötet und fast hundert verletzt worden. Die Toten und Verletzten seien in ein Krankenhaus auf der asiatischen Seite der Stadt eingeliefert worden. Der Sender NTV berichtete, 13 Soldaten seien bei dem Versuch festgenommen worden, ins Präsidialbüro in Ankara einzudringen.

Ministerpräsident Yildirim sagte, einige Anführer des Putschversuchs seien festgenommen worden. «Die Demokratie wird gewinnen», sagte Yildirim nach Angaben aus dem Präsidentenpalast. Die Verantwortlichen würden bestraft werden.

Die türkische Armee sieht sich als Wächterin der weltlichen Verfassung des Landes und hatte in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt gegen die Zivilregierung geputscht.

Im Istanbuler Stadtteil Tophane waren Dutzende Gegner des Putsches auf die Straße gegangen. Ein dpa-Reporter berichtete am frühen Samstagmorgen, die Menge habe unter anderem «Gott ist groß» und «Nein zum Putsch» gerufen. Der US-Fernsehsender CNN International und die britische BBC zeigten Live-Bilder aus der Stadt: Menschen strömten in Massen auf die Straße und schwenkten türkische Fahnen.

In der türkischen Hauptstadt Ankara kam es einem Bericht des Senders CNN Türk zufolge zu Gefechten zwischen Polizei und Militär. Die Armee habe die Polizeidirektion beschossen, hieß es. Augenzeugen berichteten von Panzern in den Straßen der Hauptstadt.

In einer Erklärung, die Putschisten im Staatssender TRT 1 verlesen ließen, hieß es, mit dem Putsch sollten unter anderem die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederhergestellt werden.

Einem Medienbericht zufolge hatte Streitkräfte den Flugverkehr am Atatürk-Flughafen in Istanbul zwischenzeitlich gestoppt. Soldaten hätten den Tower am größten Flughafen des Landes am Freitagabend unter ihre Kontrolle gebracht, hatte die Nachrichtenagentur DHA gemeldet. Nach Erdogans Aufruf drangen Demonstranten auf das Flughafengelände ein. Das Militär sei daraufhin wieder abgezogen.

US-Präsident Barack Obama rief dazu auf, die demokratisch gewählte Regierung des Landes zu unterstützen. Gewalt und Blutvergießen müssten vermieden werden, hieß es in einer Mitteilung des Weißen Hauses.

Ähnlich äußerte sich die Europäische Union. Die EU verlangte eine «schnelle Rückkehr» zur verfassungsmäßigen Ordnung in der Türkei, wie es am Rande des Asien-Europa-Gipfels in Ulan Bator in einer gemeinsamen Erklärung von EU-Ratspräsident Donald Tusk, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini hieß. «Die Türkei ist ein wichtiger Partner der EU.»

Auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg rief zu Zurückhaltung und Respekt vor den demokratischen Institutionen und der türkischen Verfassung auf. Die Bundesregierung verlangte, die demokratische Ordnung in der Türkei zu respektieren, wie es in einer Erklärung von Regierungssprecher Steffen Seibert hieß. Das Auswärtige Amt riet allen Deutschen in der Hauptstadt Ankara und in Istanbul zu «äußerster Vorsicht».

Mehrere Fluggesellschaften strichen ihre Türkei-Flüge. Die Lufthansa, Eurowings und Air Berlin sagten in der Nacht zu Samstag Flüge aus dem Land und in das Land hinein ab. «Wir werden bis morgen Mittag 12 Uhr alle Verbindungen von und in die Türkei streichen», sagte ein Lufthansa-Sprecher. «Danach werden wir sehen, wie sich die Lage weiterentwickelt.»

In den türkischen Ferienzentren war die Lage nach Angaben der Tui ruhig. Der Reiseveranstalter Thomas Cook forderte die Urlauber auf, «vorsichtshalber bis auf weiteres in ihren Hotels zu bleiben».

In Berlin versammelten sich nach Polizeiangaben rund 3000 Demonstranten vor der türkischen Botschaft und protestierten überwiegend gegen den Putschversuch in der Türkei.