Rätsel um schwerstes russisches Flugzeugunglück

Nach dem schwersten Flugzeugunglück in der russischen Geschichte mit 224 Toten rätseln die Ermittler weiter über die Ursache der Katastrophe.

Der Ferienflieger war am Samstagmorgen kurz nach dem Start über der ägyptischen Sinai-Halbinsel abgestürzt. Die meisten Passagiere des Fluges KGL 9268 nach St. Petersburg waren Urlauber aus Russland. Nach Angaben der russischen Justiz gab es bei den Besatzungsmitgliedern des Airbus A-321 keine Auffälligkeiten. «Die Piloten und Stewards sind vor dem Start in Scharm el Scheich medizinisch geprüft und für flugtauglich erklärt worden», sagte Behördensprecherin Maja Iwanowa am Sonntag der Agentur Interfax. Die Qualität des Treibstoffs habe den Anforderungen entsprochen. Die örtlichen Behörden gehen nach Angaben aus Sicherheitskreisen von einem technischen Defekt aus.

Der Flieger mit 217 Passagieren und 7 Besatzungsmitglieder an Bord war 23 Minuten nach dem Start in dem beliebten Badeort Sharm el Scheich am Roten Meer vom Radar verschwunden und in der Wüstenlandschaft der Sinai-Halbinsel zerschellt. Dabei starben mindestens 24 Kinder.

Der Flugschreiber und der Stimmenrekorder seien nach erstem Augenschein nur gering beschädigt, sagte der russische Verkehrsminister Maxim Sokolow nach seiner Ankunft in Kairo. Die noch versiegelten Blackboxen würden entweder in Russland oder in Ägypten ausgewertet.

Weite Teile im Norden der Sinai-Halbinsel sind militärisches Sperrgebiet. Extremistengruppen sind dort aktiv - darunter auch ein Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Dieser hatte in einem nicht verifizierbaren Bekennerschreiben behauptet, die Maschine zum Absturz gebracht zu haben. Experten und Regierungsangehörige Russlands und Ägyptens bezeichneten dies allerdings als unwahrscheinlich oder schlossen einen Anschlag aus. Die im Sinai vom IS genutzten Waffen seien ungeeignet, um die Maschine in etwa 9,5 Kilometer Höhe abzuschießen.

Doch allein die Behauptung der Extremisten reichte aus, um die Sicherheitsvorkehrungen bei einigen Fluggesellschaften zu erhöhen: Die Lufthansa, Air France und Emirates gaben bekannt, den Sinai bis auf Weiteres zu umfliegen.

Derweil begann die Bergung der 224 Leichen. Die Überreste von 163 Passagieren seien von der Absturzstelle in die Hauptstadt Kairo transportiert worden, teilte die Regierung Ägyptens am Sonntag mit. Eine erste Maschine mit Opfern könne in der Nacht zum Montag nach St. Petersburg losfliegen, sagte Wladimir Stepanow vom Katastrophenschutzministerium in Moskau am Sonntag der Agentur Interfax zufolge.

Zur Identifizierung der Opfer hätten die russischen Behörden von Verwandten DNA-Proben genommen. An der Absturzstelle nahe der Stadt Al-Arish seien etwa 100 russische Helfer mit schwerem Gerät im Einsatz.

Die russischen Behörden riefen am Sonntag eine Staatstrauer aus. Fernsehstationen und Radiosender wollten weitgehend auf Unterhaltungssendungen verzichten. Die orthodoxe Kirche sowie Moscheen und Synagogen haben Gottesdienste organisiert. Behörden sagten Festveranstaltungen ab.

Auf dem St. Petersburger Flughafen Pulkowo richtete das Katastrophenschutzministerium einen Krisenstab ein. Etwa 100 Angehörige der Opfer seien in einem Hotel am Airport untergebracht, sagte ein Behördensprecher. Dutzende Psychologen und Ärzte würden die Hinterbliebenen betreuen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in einem Telefonat ihr Beileid aus. Auch Bundespräsident Joachim Gauck, Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, der Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker und EU-Ratspräsident Donald Tusk, kondolierten.