Rätselraten um Zukunftspläne von Ai Weiwei

Es wird wie eine geheime Kommandosache gehandelt. Nach der Ankunft des chinesischen Künstlers Ai Weiwei in München rätselt die Kunstwelt über die Pläne der 57-jährigen Regimekritikers.

Wird er trotz der grotesken Behandlung durch die britischen Behörden nach London reisen? Wann kommt er nach Berlin? Und vor allem: Wird er womöglich ganz in Deutschland bleiben, um weiteren Schikanen in seiner Heimat zu entgehen?

«Er kommt irgendwann in den nächsten Tagen nach Berlin. Wann, steht noch nicht fest», wiederholt seine Berliner Galerie Neugerriemschneider gebetsmühlenartig. Die Zurückhaltung kommt nicht von ungefähr. Die Regierung in Peking, die dem ungeliebten Vorzeigekünstler vier Jahre lang den Pass vorenthielt, dürfte jeden seiner Schritte genauestens verfolgen.

«Er wird sicher vorsichtig sein, schon um die in China zurückgebliebenen Freunde und Mitarbeiter nicht zu gefährden», sagt ein Kunstmanager, der seit Jahren enge Kontakte nach Fernost hat. Im schlimmsten Fall könnten die Behörden «ihm den Biermann machen» - heißt im Klartext: ihm die chinesische Staatsbürgerschaft aberkennen und damit seine Rückkehr in die Heimat verhindern.

Ai Weiwei selbst war für seine Verhältnisse ebenfalls recht wortkarg, als er am späten Donnerstagnachmittag mit dem Flug LH 723 aus Peking auf dem Franz Josef-Strauß-Flughafen in München landete. «Mein Sohn wartet» war einer der wenigen Sätze, die er sprach, ehe er den Sechsjährigen nach einjähriger Trennung endlich wieder in die Arme schloss. In München wollte er sich am Klinikum Großhadern einer Nachuntersuchung unterziehen. Dort hatte er 2009 eine Notoperation nach einer Gehirnblutung. Vier Wochen zuvor hatte er in der Provinz Sichuan brutale Schläge von chinesischen Sicherheitsleuten auf den Kopf erhalten.

Auch der Berliner Freundeskreis des international renommierten Künstlers wurde eigenen Angaben zufolge erst kurz vor dem Flug über die Reisepläne informiert. «Wir waren alle überrascht, wie schnell das jetzt ging. Er hat alles selbst organisiert, um die Ausreise nicht wieder zu gefährden», sagte der Berliner Galerist und Sprecher der Initiative, Alexander Ochs, der Deutschen Presse-Agentur.

Ochs ist auch der einzige, der eine Zukunftsprognose wagt. Er geht davon aus, dass Ai Weiwei seine Berufung auf eine Gastprofessur an der Berliner Universität der Künste annimmt. «So wie wir ihn kennen, wird er diese Aufgabe sehr ernst nehmen und während der Semester sicher hier sein», sagt der Galerist. Das wären immerhin jeweils rund sieben Monate während der dreijährigen Laufzeit der Professur.

An Berlin bindet den Künstler viel. Bereits im vergangenen Jahr hatte er seinen Sohn Ai Lao aus Angst vor der Unberechenbarkeit der chinesischen Behörden nach Berlin geschickt. Der Junge lebt seither mit seiner Mutter, der unabhängigen Filmemacherin Wang Fen, in der Bundeshauptstadt. «Wir sind keine Familie im rechtlichen Sinn, aber in Peking habe ich meinen Sohn acht bis zehn Stunden am Tag gesehen», erzählte Ai Weiwei im Februar, als er während der Berlinale per Fernregie einen Kurzfilm über das eigene Vater-Sohn-Schicksal drehte.

Auch die Berliner Akademie der Künste hofft laut Präsidentin Jeanine Meerapfel auf ein baldiges Treffen mit Ai Weiwei. Die renommierte Künstlervereinigung hatte ihn 2011 während seiner 81-tägigen Verschleppung demonstrativ zum Mitglied gewählt. Sie wollte damit - ähnlich wie die Kunst-Uni mit der Gastprofessur - auch Solidarität signalisieren. «Wir haben ihn als einen international herausragenden Künstler aufgenommen, der unter einem besonderen Zwang stand», sagt der heutige Ehrenpräsident der Akademie, Klaus Staeck.

Noch wichtiger dürfte aber sein, dass Ai Weiwei auch konkrete Arbeitsmöglichkeiten in Berlin hat. In einem ehemaligen Brauereigelände im Stadtteil Prenzlauer Berg ist bereits vor Jahren ein riesiges Kellerareal zu einem Studio ausgebaut worden. Der Clou: Auch der dänische Starkünstler Olafur Eliasson hat auf dem sogenannten Pfefferberg seine Ateliers.

Er arbeitet ähnlich grenzüberschreitend wie Ai Weiwei, hat ebenfalls einen engen Draht zur Universität der Künste und wird von derselben Galerie vertreten. Die Betreiber der Pfefferwerks machen keine Angaben zum künftigen Nutzer des neuen Studios, ein Insider sagt jedoch: «Ai Weiwei hat sich schon frühzeitig einen Ort dort gesichert und steht seit langem mit Olafur Eliasson in Kontakt.»

Freilich: Dass der chinesische Künstler sich ganz in Berlin niederlassen könnte, gilt als unwahrscheinlich. «Wenn er das wollte, hätte er sicher schon früher kommen können», sagt Galerist Ochs. «Aber er kann ohne China nicht leben.»