Report: Die SPD auf dem Weg zur «GroKo»

Einsam schlendert Jan Stöß kurz vor Mitternacht durch das Tor, es ist knapp über null Grad, Winternebel liegt über dem früheren Postbahnhof am Berliner Gleisdreieck. Der Berliner SPD-Landeschef soll hier gleich eine wichtige Fracht in Empfang nehmen.

Report: Die SPD auf dem Weg zur «GroKo»
Jörg Carstensen Report: Die SPD auf dem Weg zur «GroKo»

23.55 Uhr: Das Hallentor wird aufgeschoben, zehn Minuten später stört Lkw-Lärm die Nachtruhe. Ein gelber Post-Lastwagen mit Anhänger biegt ein und fährt in die Halle. Stöß und SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks begutachten die Fracht. Viele rote Kisten, darin 333 500 Briefe, die darüber entscheiden, ob die Bundesrepublik nach 1966 und 2005 die dritte große Koalition bekommen wird. Immerhin 70 Prozent der 474 820 stimmberechtigten Mitglieder haben sich an dem Votum beteiligt.

01.00 Uhr: Die «Hochleistungsschlitzmaschinen» des Typs OL 1000 plus gehen in Betrieb. 40 000 Briefe pro Stunde werden aufgefräst. Hendricks, die als Umweltministerium gehandelt wird, findet, dass «Hochleistungsschlitzmaschine» statt «GroKo» (Kurzfassung für große Koalition) das Wort des Jahres 2013 hätte werden sollen.

09.30 Uhr Die meisten der 400 Helfer treffen ein. Sie müssen Handys und Kameras in Schließfächern abgeben, damit der Auszählprozess nicht juristisch anfechtbar ist. Einer ist Julian Müller (19), Juso aus Soest in Nordrhein-Westfalen. «Ich bin ein Gegner der großen Koalition.» Der Mindestlohn von 8,50 Euro ist für ihn nur eine Mogelpackung, weil er flächendeckend erst 2017 gilt. Neben ihm steht Erich Pommerening (61) aus Kamp-Lintfort. «Ich bin auch dagegen», sagt er. «Aber mit den Chaoten von den Linken kann man nicht regieren, sorry.»

10.55 Uhr: Emsiges Treiben in der Auszählungshalle. Hände gehen in die Höhe: Das Zeichen, dass eine rote Kiste mit neuen Stimmzetteln gebracht werden soll. Dann taucht Generalsekretärin Andrea Nahles auf, Arbeitsministerin in spe. «Wir sind viel früher fertig, als wir geplant hatten.» SPD-Chef Sigmar Gabriel will das Ergebnis bereits um 14.00 Uhr verkünden. «Einige haben schon gefragt, ob das Bier auch früher käme, wenn schneller ausgezählt werde. Na klar, habe ich gesagt», so Nahles.

11.20 Uhr: In der SPD-Führung gehen sie fest von einer Zustimmung aus, auch wenn sich einige ärgern, dass die Namen der sechs SPD-Politiker, die Freitagnachmittag von Gabriel über ihre Berufung ins Kabinett informiert wurden, schon Freitagabend durchgesickert sind.

12.15 Uhr: Erste Medien berichten über einen spektakulären Ressortwechsel von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU). «Bild.de» meldet, die 55-Jährige solle neue Innenministerin werden, die «Süddeutsche Zeitung», von der Leyen solle das Verteidigungsministerium von Thomas de Maizière übernehmen. Doch noch ist das alles Zukunftsmusik. Noch sind alle Augen auf die SPD gerichtet.