Report: Gespannte Stille in Ingolstadt

Angela Merkels Wahlkampfbus steht mitten in der Sperrzone. «Die Kanzlerin kommt», wirbt ein Schriftzug auf dem weißen Transporter. Nebenan auf dem Ingolstädter Rathausplatz sind Podeste für eine Bühne aufgebaut, Bierbänke stehen bereit.

Report: Gespannte Stille in Ingolstadt
Peter Kneffel Report: Gespannte Stille in Ingolstadt

Doch der Platz ist verwaist, abgesperrt, statt Unions-Wahlkämpfern nur Polizisten, Sanitäter, Spezialkommandos. Nur wenige Meter entfernt vom Ort, wo Merkel am Nachmittag auftreten wollte, bringt ein 24-Jähriger am Montag drei Menschen in seine Gewalt.

Alfred Lehmann steht der Schweiß auf der Stirn. «Das war mehr als Stalking», sagt der Oberbürgermeister über den Täter. Der Geiselnehmer, vorbestraft, hatte in den vergangenen Wochen eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung belästigt und deshalb schließlich Hausverbot in allen Rathäusern bekommen. «Das machen wir ganz selten», betont Lehmann.

Aggressiv sei der Vorbestrafte aufgetreten. «Es hatten Leute Angst vor ihm.» Der CSU-Politiker war selbst im Gebäude, als der Täter am Morgen zuschlug, konnte sich aber in Sicherheit bringen - anders als der Dritte Bürgermeister Sepp Mißlbeck (Freie Wähler), den der Geiselnehmer ebenso bedroht wie die von ihm belästigte Mitarbeiterin. Am Nachmittag kommt die erste gute Nachricht: Mißlbeck ist frei.

Am Tatort herrscht eine Mischung aus reger Betriebsamkeit und angespannter Stille. Beamte eilen umher, Funksprüche quaken, in einer Nebenstraße warten zwei schwere, grüne Räumpanzer der Polizei. SEK-Beamte steigen aus Kleinbussen mit getönten Scheiben, Maschinenpistolen um den Hals. «Die Situation ist also stabil?», fragt ein Polizeisprecher in sein Freisprechgerät. Die Antwort ist ja. Noch gibt es keine Forderung, aber der Täter spricht mit den Verhandlungsprofis der Polizei. Abwarten.

Derweil trinken einige Neugierige an den Imbissstuben auf dem benachbarten Viktualienmarkt der oberbayerischen Stadt gemütlich ihr Bier. Der Platz ist mit rot-weißem Flatterband abgesperrt, doch ihren Logenplatz gleich neben der Einsatzzentrale geben sie nicht auf. «Das hat einen politischen Hintergrund», meint der eine. «Na, wenn das ein Durchgeknallter ist», sagt ein anderer. Gerüchte - die Polizei hält sich aus taktischen Gründen mit Angaben zum Motiv zurück.

Oberbürgermeister Lehmann kann dem Warten auch etwas Positives abgewinnen: «Es ist so, dass jetzt schon einige Stunden vergangen sind - das ist wohl eher ein positives Zeichen, dass wir zu einer vernünftigen Lösung kommen werden», sagt er. Eins steht aber schon fest: Merkels Wahlkampfbus bleibt zu - die Rede der Kanzlerin ist abgesagt.