Report: Horror in der Vorweihnachtszeit

Nach Stunden in Todesangst steht der jungen Frau der Schock ins Gesicht geschrieben: Mit ausgestreckten Armen rennt sie bewaffneten Polizisten entgegen und bricht fast zusammen.

Report: Horror in der Vorweihnachtszeit
Joel Carrett Report: Horror in der Vorweihnachtszeit

Die Angestellte mit der braunen Schürze ist der Hölle des Lindt Chocolat Cafés in Sydney entkommen, in dem ein Bewaffneter - möglicherweise ein radikaler Muslim - Besucher und Angestellte seit Montagmorgen in Schach hält.

«Ich habe seine Augen gesehen, der war verrückt», sagte Craig Stoker dem «Daily Telegraph». Der Mann hatte sich am Morgen in dem Café im Herzen Sydneys gerade einen Kaffee geholt. Draußen sei er mit dem späteren Geiselnehmer zusammengestoßen, wie er berichtete. Der Mann sei mit einer Sporttasche unterwegs. «Soll ich dich auch erschießen?», habe der Mann ihn nach dem Anrempler angeherrscht. «Ich war ganz schön fertig», meinte Stoker.

Was die Geiseln in dem Café durchmachen, ist tagsüber durch eine Scheibe zu sehen: Abwechselnd müssen zwei Leute mit erhobenen Händen eine schwarze Fahne mit dem muslimischen Glaubensbekenntnis an die Scheibe pressen. Direkt darunter ist ein fröhliches «Merry Christmas» (Frohe Weihnachten) auf der Scheibe zu lesen. Eine Mitarbeiterin des Cafés, die nicht im Dienst war, erkennt eine ihrer Kolleginnen. «Ihr Gesicht ist wie eine Maske - sie ist sonst so fröhlich», sagte die Frau im Fernsehen entsetzt.

Der Tag in Sydney fängt an wie jeder andere. Martin Place ist dekoriert mit Weihnachtsschmuck. Neun Tage noch bis zur Bescherung, viele Leute sind unterwegs, kaufen Geschenke. Die Sonne scheint vom makellos blauen Himmel, in Australien hat der Sommer begonnen. Wer nicht zur Arbeit muss, hat keine Eile. An der Theke des trendigen Cafés muss viel los gewesen sein. Wie Stoker besorgen sich viele Leute auf dem Weg ins Büro dort noch schnell einen Kaffee.

Die Redaktion des TV-Senders «Channel 7» liegt direkt gegenüber. Redakteure sehen um kurz vor zehn Leute vom Café fortrennen. Sie schalten die Kameras ein. An die Fenster gepresste Hände sind zu sehen. Der Geiselnehmer hat die Leute offenbar an die Scheiben beordert. Dann erscheint die Fahne. Die Polizei ist innerhalb von Minuten vor Ort.

Die Redaktion muss weichen, wegen der strategischen Lage richtet die Polizei dort einen Kommandoposten ein. Dann beginnt das lange Warten. Am Mittag rennen plötzlich in kurzer Zeit drei Geiseln aus dem Gebäude, am Nachmittag zwei weitere. Die Polizei schirmt die Leute ab. Keiner äußert sich zunächst.

Kontakt mit dem Geiselnehmer besteht aber. «Wir verhandeln mit ihm», sagt Vize-Polizeichefin Catherine Burn. Der Mann, der allem Anschein nach ein Stirnband mit Schriftzeichen trägt, will aber dem Vernehmen nach etwas anderes. Er soll ein Gespräch mit dem Premierminister verlangt haben, live im Fernsehen.

Mehrere Medien berichten, sie hätten Anrufe von Geiseln erhalten. Verifizieren lassen sich die Anrufe nicht. Mark Burrows von «9News» sagt, es sei «extrem stressig» gewesen, mit zwei Frauen zu reden, die ihn auf Anweisung des Geiselnehmers anriefen. Radiomoderator Ray Hadley erlebt nach eigenen Angaben Ähnliches. «Ich habe jemand im Hintergrund gehört, der hat dem jungen Mann, mit dem ich sprach, Anweisungen gegeben», berichtet er in seiner Show im «2GB Radio».

Die Polizei hat die Fußgängerzone am Martin Place abgeriegelt, aber hinter dem Klebeband harren den Tag über bis zu 200 Schaulustige aus. Viele machen Selfies, Fotos mit Handykameras. Die Polizei betont immer wieder, dass Sydney sich nicht im Ausnahmezustand befinde. Außerhalb der abgeriegelten Zone solle jeder ganz normal seinen Alltagsaktivitäten nachgehen.