Report: Jesiden aus IS-Belagerung befreit

Die grausamen Bilder gingen im Sommer um die Welt: Zehntausende Menschen, von Hunger und Durst geplagt, harrten in einem Gebirgszug im Nordirak bei über 40 Grad Celsius aus. Sie wurden von Dschihadisten belagert und warteten auf Hilfe, die zunächst nicht kam.

Ihre Lage wurde von Tag zu Tag dramatischer, einige Kinder und Ältere verdursteten. Bei den Flüchtlingen handelte es sich um kurdische Jesiden, Angehörige einer religiösen Minderheit, die von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) als «Teufelsanbeter» verfolgt wurden. Erst jetzt - mehr als vier Monate später - sind auch die letzten Flüchtlinge aus der Sindschar-Region gerettet.

«Sie werden mit Autos fortgebracht», sagte der Sprecher des Zentralverbandes der Jesiden in Deutschland, Holger Geisler, der Deutschen Presse-Agentur. Die meisten sollten in der kurdischen Autonomieregion unterkommen. «Einige haben aber gesagt, dass sie in ihren Häusern bleiben.» Seinen Angaben nach waren zuletzt noch etwa 7000 Zivilisten in dem von Dschihadisten belagerten Gebirge sowie rund 3000 jesidische Kämpfer.

Die Tragödie hatte im Sommer im Gebiet um die Stadt Sindschar (kurdisch: Schingal) begonnen. Dort lebten damals die meisten der weltweit etwa 800 000 Jesiden - schätzungsweise mehr als 500 000. Eine ihrer heiligen Stätten befindet sich in dem Gebirge der Region, in dem Jesiden bei Verfolgung stets Schutz suchten - zuletzt im August, als die Dschihadisten begannen, sie zu jagen.

Viele schafften es auch nicht: Männer wurden geköpft, Frauen vergewaltigt und zwangsverheiratet. Im Internet tauchten Bilder auf, die zeigten, wie Jesidinnen auf einem Sklavenmarkt verkauft wurden. Denn für Dschihadisten sind die Jesiden schlicht Ketzer.

Erst als US-Präsident Barack Obama Luftschläge zum Schutz bedrohter Minderheiten im Nordirak genehmigte und am 8. August erste Angriffe auf IS-Stellungen geflogen wurden, kam die Wende. Am Boden gelang es kurdischen Kämpfern, die meisten der rund 80 000 geflohenen Jesiden in Sicherheit zu bringen. Während der Rettungsaktion warfen Hubschrauber und Flugzeuge der internationalen Koalition Hilfsgüter ab. Zurück blieben am Ende aber noch die Alten, Kranken und Kinder, die den gefährlichen Weg nicht meistern konnten, sowie deren Angehörige. Junge Jesiden wurden von kurdischen Milizen zu Kämpfern ausgebildet und sorgten fortan für Schutz.

Erst jetzt kam der endgültige Durchbruch. US-amerikanische und kurdische Vertreter verkündeten am späten Donnerstagabend ihren bislang größten Erfolg gegen die IS-Miliz: Sie haben Dschihadisten aus der Sindschar-Region vertrieben, die Belagerung des Höhenzugs beendet. Der Sicherheitsrat der Autonomieregion Kurdistan berichtete von zahlreichen Opfern unter den Dschihadisten. Die Kämpfer «flohen in großer Zahl» in Richtung syrische Grenze und zu anderen IS-Hochburgen wie Mossul, hieß es in einer Erklärung. «Dort wurden sie aber von anderen IS-Mitgliedern wieder zurück an die Front geschickt.»

Die Rettung kam für die Jesiden zu einem ihrer wichtigsten Feste. Sie begingen am Freitag ihren «göttlichen Feiertag», an dem sie an die Entstehung der Welt erinnern. Ein führender Vertreter der kurdischen Regierungspartei KDP, Fasil Mirani, sandte aus den zurückeroberten Gebieten laut Nachrichtenportal eine Botschaft an die Jesiden: «Wir werden nicht schlafen, bis alle Sindschar-Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind.»