Report: Obama beschwört den «Spirit of Berlin»

Der erste Applaus vor dem Brandenburger Tor ist für Barack Obama ganz einfach. Bei über 40 Grad im Sonnenschein reicht es dem US-Präsidenten, das Sakko auszuziehen und die Gäste aufzufordern, es ihm gleichzutun.

Report: Obama beschwört den «Spirit of Berlin»
Michael Kappeler

«Wir können etwas lockerer sein, wir sind ja unter Freunden hier.» Der erste, der mitmacht, ist der Mann hinter ihm auf der Bühne, Berlins Regierender Bürgermeister, Klaus Wowereit. Kanzlerin Angela Merkel lässt ihren aprikosenfarbenen Blazer lieber an.

In der ersten Reihe der etwa 4000 geladenen Gäste ist praktisch das gesamte Bundeskabinett mit Ausnahme des Innenministers ohnehin schon im Hemd. Vor ihnen und viel deutsch-amerikanischer Prominenz wie dem Geiger David Garrett oder Basketballer Dirk Nowitzki hält Obama dann die Rede, auf die alle gewartet haben: ein Ritt durch die Geschichte, in der alles vorkommt, was die Beziehung der beiden Länder ausmacht.

Der legendäre Auftritt von John F. Kennedy («Ich bin ein Berliner») kommt darin vor, der fast auf den Tag genau ein halbes Jahrhundert her ist, die Zeit der Teilung, die Toten an der Mauer. Die Aufforderung von Ronald Reagan - damals noch auf der West-Seite des Tors - an den sowjetischen Kollegen Michail Gorbatschow, die Mauer niederzureißen. Und dann natürlich auch der Fall der Mauer an jenem 9. November 1989 - das Bild, das in Amerika jeder mit dem «Brandenburg Gate» verbindet.

An seiner Rede hat Obama bis zur letzten Minute gefeilt. Mehrmals spricht er vom «Spirit of Berlin» - Obama würdigt den Kampf um die Freiheit vor allem der Ostdeutschen, der zum Fall der Mauer geführt hat. Und er hebt hervor, dass Berlin diesen Geist der Freiheit fortwährend versprühe. Er fordert gleiche Rechte für Homosexuelle, Befreiung von Unterdrückten und das Recht für Mädchen überall auf der Welt, zur Schule gehen zu können.

«Diese Mauer ist nun Geschichte. Aber wir müssen nun auch Geschichte schreiben», sagt Obama. «Solange es Mauern in den Herzen gibt, müssen wir uns mehr anstrengen, diese Mauern einzureißen.» Aber der eine Satz, der es garantiert in die Geschichtsbücher schafft, der fällt nicht. Im Gegensatz zum großen Vorbild Kennedy verzichtet er auch darauf, einen eigenen Satz auf Deutsch zu sagen - abgesehen davon, dass er «Ich bin ein Berliner» perfekt zitiert.

Obama verkündet aber Neuigkeiten. Die USA wollen die Zahl ihrer atomaren Sprengköpfe um bis zu ein Drittel reduzieren. Die atomare Abrüstung hatte er bereits zu Beginn seiner Amtszeit zum Thema gemacht. Nach Abschluss eines Vertrages über strategische Waffen mit Russland trat es jedoch wieder in den Hintergrund. Allerdings gibt es im US-Kongress dazu Widerstand.

Ein Zeichen setzt er auch bei der Klimapolitik. «Wir wissen, dass wir mehr tun müssen und wir werden mehr tun.» Eine Ermutigung zur Reduzierung der Treibhausgase. Denn bisher blockieren die USA verbindliche Minderungsziele und sind neben China der größte Klimasünder. Obama sind auch hier die Hände im Kongress gebunden.

Obama hat sich verändert. Abgesehen davon, dass er sichtbar grau geworden ist: Aus dem Hoffnungsträger von einst ist für viele nun doch ein ziemlich normaler US-Präsident geworden. Dass er das US-Gefangenenlager auf Guantanamo noch nicht geschlossen hat, gehört zu den wichtigsten gebrochenen Versprechen.

Der Präsident weist auf die Terrorgefahren in der Welt hin. Dabei geht er ausführlich auf das Spähprogramm «Prism» des US-Geheimdienstes NSA ein, die ganz massiv auch die Daten deutscher Bürger sammelt. Er versichert, dass der E-Mail-Verkehr sozusagen normaler Bürger gar nicht überprüft werde. Es gehe um die Verbindungen, die Terroristen hätten. Merkel mahnt, dass die USA hier die Verhältnismäßigkeit wahren müssten. Damit lässt sie es bewenden.

Obama versichert auch, dass die USA von Deutschland aus keinen Drohnenkrieg führen. Diese Botschaft ist für Merkel wichtig. Völkerrechtler halten das Töten per Knopfdruck aus der Ferne außerhalb eines bewaffneten Konflikts für Hinrichtung. Merkel betont aber, dass die US-Militärbasen in Deutschland auch für Deutschland wichtig seien.

Nach einem unterkühlten Verhältnis, das Merkel und Obama seit dieser Geschichte mit dem Brandenburger Tor 2008 nachgesagt wird, sieht dieser Besuch nicht mehr aus. Damals war er nur Präsidentschaftskandidat und sie als Kanzlerin dagegen, dass er vor dem Brandenburger Tor spricht. Obama musste zur Siegessäule ausweichen, wo er von 200 000 Menschen begeistert gefeiert wurde.

Am Mittwoch begrüßt ihn Merkel mit dem Slogan der Fußball-WM 2006: «Willkommen bei Freunden». Der US-Präsident und die Kanzlerin gehen freundschaftlich miteinander um. Merkel duzt ihn inzwischen auch. Nach seiner Rede gehen sie gemeinsam durch das Brandenburger Tor - von Ost nach West. Drei Monate vor der Bundestagswahl sind das perfekte Bilder für Merkel.