Report: Ohne «Handtasche und Stöckelschuhe»

«Thomas Hitzlsperger schwul?» - Diese Nachricht haut hier in der Kabine keinen um. «Das hab' ich in der Münchner Szene schon vor Jahren gehört», meint Jens und holt sein Handtuch vom VfB Stuttgart aus der Tasche.

Report: Ohne «Handtasche und Stöckelschuhe»
Marc Tirl Report: Ohne «Handtasche und Stöckelschuhe»

«Er war schon immer einer meiner Lieblingsspieler. Aber nicht, weil ich ihn sexuell anziehend finde», sagt der 46-Jährige lachend, zieht seine Fußballschuhe an und läuft auf den Platz.

Eigentlich ist alles wie immer an diesem Mittwochabend in Berlin-Weißensee. Die Freizeitkicker vom homosexuellen Fußballclub Vorspiel SSL Berlin treffen sich zum wöchentlichen Training unter Flutlicht. Am Tag des Hitzlsperger-Statements mischen sich aber auch einige Journalisten unter die Spieler, stellen Fragen wie: «Gibt es jetzt eine Coming-Out-Welle im Profifußball?» Die meisten schwulen Hobbykicker glauben nicht daran: «In zwei Wochen wird darüber nicht mehr gesprochen», meint Kevin. Der 22-Jährige hat selbst erfahren müssen, wie rückwärtsgewandt einige Trainer und Funktionäre in Deutschland noch denken.

«Ich habe von der Bambini-Liga an bei meinem Heimatverein gespielt. Bis mein Trainer mitbekommen hat, dass ich schwul bin», erzählt Kevin, der aus dem 4000-Einwohner-Dorf Baumholder in Rheinland-Pfalz stammt. Damals war er 17 Jahre alt: «Der Trainer meinte, schwul und Fußball - das passt einfach nicht zusammen. Ich habe ihm gesagt, dass ich doch schon zehn Jahre unter ihm spiele. Aber er blieb dabei: 'Du repräsentierst den Verein. Das gibt ein schlechtes Bild ab'». Die Mitspieler hätten ihn zwar unterstützt, aber Kevin verließ seinen Club.

Heute spielt der dribbelstarke Mittelfeld-Regisseur zusammen mit seinem Freund bei Vorspiel und einem anderen Verein in der Freizeit-Landesliga. Dort akzeptierten ihn alle so, wie er ist. «Wir leben hier sozusagen auf einer Insel der Glückseligen», sagt Abteilungsleiter Ralf Zimmermann und meint damit die Millionenstadt Berlin. In ländlichen Gebieten hätten es schwule Fußballer oft viel schwerer, sich bei Mitspielern und Trainer zu outen: «Der Verband sollte den Vereinen, die mit solch einer Situation konfrontiert sind, Rückendeckung geben und klar Position beziehen», fordert der 53-Jährige vom Deutschen Fußball-Bund.

Aber es geht auch anders: Tino kickt seit drei Jahren bei Vorspiel. Der Ehemann und Vater ist nicht der einzige Heterosexuelle im Team. «Ich habe vorher bei Dorfclubs gespielt. Da waren die Gespräche oft unterstes Niveau und es wurde nur gesoffen. Hier kann man sich auch abseits des Fußballs gut unterhalten». Auch in der Kabine und unter der Dusche gebe es keine Probleme, sagt der 31-Jährige.

In der Berliner Unisport-Liga erfahren die Vorspiel-Kicker, die auch zu Turnieren nach Glasgow oder Prag fahren, große Akzeptanz. Die meisten Gegner wissen, dass zum großen Teil Homosexuelle auf dem Platz stehen. «Wenn die sehen, dass du nicht mit Handtasche und Stöckelschuhen ankommst, dann ist das gar kein Thema», sagt Jens und lacht wieder. Und Mit-Vorspieler Josef ergänzt: «Am besten ist es natürlich, wenn wir gewinnen. Dann haben sie genug damit zu tun, das ihren Freundinnen zu erklären».