Report: Stunden der Angst in San Bernardino

Reglos liegt der Körper auf dem Asphalt in einer Blutlache. Mitten in einer Wohnsiedlung im kalifornischen San Bernardino. Daneben: ein Sturmgewehr.

Report: Stunden der Angst in San Bernardino
Eugene Garcia Report: Stunden der Angst in San Bernardino

Auf der anderen Straßenseite haben gepanzerte Mannschaftswagen ein von Kugeln durchsiebtes, schwarzes Geländefahrzeug eingeklemmt. Hubschrauber kreisen, die Blaulichter Dutzender Polizeiwagen blitzen.

Die aus dem Helikopter gefilmten Aufnahmen der TV-Sender gleichen auf erschreckende Weise dem Höhepunkt eines Actionfilms. Doch das Drama von San Bernardino ist Realität, die erschreckende Szene am Shedden Drive nur ein Kapitel einer stundenlangen Tragödie in der Stadt mit 215 000 Einwohnern.

Kurz zuvor hatte hier laut Polizei ein Ehepaar in einer Behinderteneinrichtung das Feuer eröffnet. Augenzeugen zufolge trugen sie Skimasken und Schutzbekleidung. Bilanz bis dahin: 14 Tote und 17 Verletzte, mindestens zwei davon schweben in Lebensgefahr.

Offenbar war es Streit bei einer Feier im Inland Regional Center, der den 28-jährigen Syed Farook zu dem Blutbad bewegte, wie Polizeichef Jarrod Burguan sagt. Seine Kollegen, Angestellte der örtlichen Gesundheitsbehörde, hatten dort einen Raum gemietet. «Es gab irgendeine Art von Streit», sagt Burguan. Dann soll Farook die Party wütend verlassen haben - und kehrt bewaffnet mit seiner 27-jährigen Frau Tashfeen Malik zurück. Beide tragen laut Augenzeugen dunkle Militärkleidung und Skimasken.

«Alle fielen auf den Boden», berichtet die 27 Jahre alte Denise Peraza Angehörigen zufolge. «Die Leute eröffneten für 30 Sekunden willkürlich das Feuer und hörten dann auf, um nachzuladen.» Peraza versteckt sich unter einem Tisch und wird in den Rücken getroffen. Dann wird es ruhig.

Angehörige und Freunde bangen um die Mitmenschen, die sich drinnen verschanzt haben. Nach fünf Minuten stoßen Polizeibeamte die Tür auf, berichtet Pereza, sie rufen: «Jeder, der sich bewegen kann, gehen Sie sofort und suchen Sie Schutz hinter Autos.» Bis die Umgebung geräumt ist, vergeht für die Opfer wohl eine gefühlte Ewigkeit.

Mit erhobenen Händen verlassen Angestellte das Gebäude und werden durchsucht, ein Foto zeigt eine Gruppe Mitarbeiter, die sich unter Bäumen in einem Kreis an den Händen hält und betet. Auch Schulen, Gerichtsgebäude und andere öffentliche Einrichtungen machen dicht.

Retter verarzten die Blutenden. Es ist die schlimmste Tat dieser Art seit dem Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown (Connecticut) mit 26 Toten, darunter 20 Kinder, vor drei Jahren. Dem verzweifelten Präsidenten Barack Obama bleibt wie immer nach diesen Vorfällen nichts anderes übrig, als schärfere Waffengesetze zu fordern.

Bald gerät ein schwarzer Geländewagen ins Visier der Fahnder, wohl durch einen Tipp aus Ermittlungen im Nachbarort Redlands. Dutzende Polizeiautos rauschen mit Sirenengeheul durch das sonnige San Bernardino, Kamerateams postieren sich an Straßenecken. Bei der Jagd schießen die Verfolgten laut Polizei durch die Heckscheibe, rund 20 Polizisten sind direkt beteiligt, ein Beamter wird verletzt.

Eine vermeintliche Rohrbombe, die das Paar bei der Fahrt aus dem Fenster wirft, entpuppt sich nicht als Sprengstoff. Als der dunkle SUV irgendwann in einer Wohnsiedlung zum Stehen kommt, ist er völlig durchlöchert: Fast alle Fensterscheiben sind zerschossen, die Reifen platt. Als der Kameramann im Hubschrauber eines TV-Senders draufhält, liegt einer der beiden schon in der Blutlache am Straßenrand.

Es muss eine wilde Fahrt gewesen sein. Die Warnblinker blinken, der Scheibenwischer läuft müde auf und ab, im Inneren des Fahrzeug regt sich - zumindest aus der Luft betrachtet - überhaupt nichts. Dutzende Polizisten kauern mit gezogener Waffe hinter der Hecke eines Vorgartens und hinter ihren Dienstwagen, als sich die gepanzerten Fahrzeuge der SWAT-Spezialeinheiten nähern.

Erst mit einer gepanzerten Hebebühne samt Schutzschild traut sich das Spezialkommando an den SUV. Und dann, nachdem die Polizisten mit einem langen Metallhaken vorsichtig die halboffene Autotür aufdrücken, ziehen sie einen Körper von der Rückbank. Plump sackt die Körpermasse unter gezogenen Gewehrläufen auf den trockenen Asphalt.

Weil an der Behinderteneinrichtung Sprengstoff vermutet wird, sind die Beamten auch hier extrem vorsichtig. Erst Stunden nach der Attacke und einer intensiven Suche in Häusern, Autos und Gärten gibt die Polizei Entwarnung. Das Paar ist tot - damit starben also insgesamt 16 Menschen. Der Mann und die Frau hinterlassen ein sechs Monate altes Mädchen.

Doch im Nachbarort Redlands blitzt das Blaulicht noch bis tief in die Nacht, das FBI fürchtet in der Wohnung der Getöteten Sprengstoff. An der Sozialeinrichtung, wo Kollegen noch Stunden zuvor eine Party gefeiert hatten, untersucht ein Spezialroboter einen verdächtigen Rucksack. Drei Sprengsätze hinterlässt das junge Ehepaar laut CNN am Tatort, gekoppelt an ein ferngesteuertes Auto. Sie zünden nicht. Womöglich wurde San Bernardino eine noch blutigere Tragödie erspart.