Report: Zurück bleiben die Menschen von Kundus

Die Menschen in Kundus sind verunsichert, daran ändert auch der Zweckoptimismus afghanischer Regierungsvertreter nichts. Bei manchen Afghanen herrscht nackte Angst davor, was die Zukunft nach dem Abzug der Bundeswehr bringen wird. Andere wollen fliehen.

Report: Zurück bleiben die Menschen von Kundus
Michael Kappeler Report: Zurück bleiben die Menschen von Kundus

Zuletzt schickten die Taliban Schamim Sial vor zwei Wochen eine Drohung, diesmal nicht per Brief oder Telefon, sondern per SMS. «Warte ab, was wir Dir antun werden», schrieben sie der Direktorin der Fatima-Tushara-Mädchenschule in der nordafghanischen Stadt Kundus.

Sial zeigt sich unbeeindruckt. «Ich kann meinen Job doch nicht deswegen aufgeben», sagt sie. Zur Sicherheit habe sie die SMS aber gelöscht, bevor ihr Ehemann sie sehen konnte. «Ich hatte Angst, dass er mir sagt, ich soll zu Hause bleiben.» Natürlich sei jeder besorgt über die Sicherheitslage - erst recht, wenn die Bundeswehr nun aus Kundus abzieht.

Sial hat sich geschminkt und schick angezogen, heute wird der Tag des Lehrers in Afghanistan gefeiert. In der Ecke eines Büros liegt eine Burka, in der Schule trägt keine der Frauen den Vollschleier. Die Eltern haben den Kindern Essen mitgegeben, Brathühnchen und Kebabs, Salate und Teigtaschen. 8000 Mädchen besuchen die Schule in Kundus-Stadt, die früher eine Taliban-Militärbasis war.

«Ich will wirklich nicht, dass das Land zurückfällt in Taliban-Zeiten», sagt Sial. Dass heute Millionen Mädchen zur Schule gehen, gehört zu den größten Erfolgen des internationalen Engagements am Hindukusch. Zu den größten Errungenschaften in Kundus gehört daneben auch die wirtschaftliche Entwicklung, an der Deutschland maßgeblichen Anteil hat. Zu Beginn des Bundeswehr-Einsatzes gab es eine einzige geteerte Straße in der Provinz. Heute geht es morgens in Kundus-Stadt nur im Schneckentempo durch die Rush-Hour.

Auf dem Markt brummt das Leben, Händler verkaufen Granatäpfel und Bananen, Gurken und Blumenkohl. Internationalen Besuchern schlägt eine spürbar weniger freundliche Atmosphäre als früher entgegen. «Schaut Euch diese Ausländer an», sagt leise einer der Händler in Hörweite des Übersetzers über die Besucher aus Deutschland. «Verlasst unser Land, wir brauchen Euch hier nicht.»

Dass die Taliban auch nach zehn Jahren Bundeswehr-Einsatz in Kundus noch in der Lage sind, dort Terror zu verbreiten, ist unbestritten. Zur Sicherheitslage gehen die Einschätzungen trotzdem weit auseinander. Er sei «zu 100 Prozent sicher», dass die afghanischen Sicherheitskräfte auch ohne die Hilfe der Bundeswehr bestehen könnten, sagt der Vize-Gouverneur der Provinz, Hamdullah Ganeschi. «Generell ist die Sicherheitslage gut.» Vorsichtshalber ist der Gouverneur trotzdem von seinem nahe gelegenen Haus auf das Gelände seines Amtssitzes gezogen - aus Angst vor Attentaten.

Abdul Samad besitzt eine Fliesen-Fabrik in Kundus-Stadt und Ackerland im Distrikt Imam Sahib. Das Geschäft mit den Fliesen laufe miserabel, weil die Menschen aus Angst vor der Zukunft keine Häuser mehr bauten, sagt Samad - nach dem Einsatz der Bundeswehr in Kundus läuft Ende kommenden Jahres der gesamte Nato-Kampfeinsatz in Afghanistan aus. «Jeder hat Angst vor 2014.»

In Imam Sahib würden Taliban und illegale Milizen immer mächtiger, die alle Steuern von Bauern und Landbesitzern eintrieben, sagt Samad. «Bauern verkaufen ihre Ernte für Waffen, um sich schützen zu können.» Dasselbe geschehe in anderen Distrikten. «Ich habe Angst um mein Leben. Ich habe beschlossen, alles zu verkaufen und mit meiner Familie nach Pakistan oder in den Iran auszuwandern.»

Der Bauer Sajed Mohammad hat kein Geld für eine Flucht. Seine einzige Kuh hat er bereits verkauft, trotzdem weiß er nicht, wie er seine sieben Kinder durchbringen soll. In einem Unterstand schläft seine vielleicht zweijährige Tochter mit dem Gesicht auf dem blanken Boden. Auf einem der Felder, das der 35-Jährige vor den Toren von Kundus-Stadt bewirtschaftet, erntet er Baumwolle. Das andere liegt wegen Wassermangels brach. Milizionäre zweigten das Wasser ab, klagt Mohammad. «Wenn wir hingehen und uns beschweren, verprügeln sie uns.» Die Regierung helfe nur denen, die ohnehin schon Geld hätten.

Der Bauer glaubt, dass sich die Sicherheitslage in Kundus bald nach dem Abzug der Deutschen verschlechtern und Afghanistan nach 2014 wieder in einen Bürgerkrieg schlittern wird. Die Verantwortung dafür liege aber bei den Afghanen selber. «Wir bekämpfen uns gegenseitig und zerstören unser Land», sagt Mohammad. «Dafür können wir nicht den Ausländern die Schuld geben.»