Reportage: Flüchtlingskinder lernen Deutsch

Das ganz kleine Glück ist manchmal eine große Überraschung: «Ich schlafe, du schläfst, er/sie/es schläft ....», konjugiert Selam aus Eritrea mit ernsthafter Miene. Vielleicht etwas zu ernst für eine 16-Jährige. «Sehr gut», sagt die Lehrerin. Das kleine, zierliche Mädchen strahlt, sein Gesicht ist ein einziges Lächeln.

Reportage: Flüchtlingskinder lernen Deutsch
Henning Kaiser Reportage: Flüchtlingskinder lernen Deutsch

In diesen Moment ist Selam einfach ein Mädchen. Sie freut sich und ist auch ein bisschen stolz. Das andere sieht man ihr einen Augenblick lang nicht an: diesen langen, gefährlichen Weg von Eritrea nach Aachen. Wüste, Libyen, Mittelmeer. Ganz allein, ohne Eltern, irgendwie. Und dann noch die Trauer um die Schwester einer Mitschülerin, die auf der Flucht gestorben ist, und für die Selam ein weißes Kopftuch trägt.

Leben und Tod, Gefahr und Sicherheit, Angst und Lebensmut - die Aachener Hauptschule mit dem etwas sperrigen Namen «Reformpädagogische Sekundarschule am Dreiländereck» ist der Dreh- und Angelpunkt von Flucht, Ankommen und Aufbruch. Es ist die neue Welt von 120 jugendlichen Flüchtlingen aus 30 Nationen.

Fast alle haben sich allein nach Deutschland durchgeschlagen. Sie sind allein in dem fremden Land: keine Eltern, keine Verwandte, keine erwachsenen Beschützer. Sie kamen bestenfalls mit ein paar Brocken Deutsch an, die sie in den ersten Unterkünften ganz schnell gelernt haben. Jugendliche aus dem arabischen Raum müssen auch noch die lateinische Schrift lernen. Wie anderswo in Deutschland lernen sie hier in «internationalen Förderklassen», um später in den Regelunterricht oder in die Ausbildung zu gehen.

Für den 17-jährigen Filmon ist es die erste Deutschstunde in der B 1: 17 Schüler, elf Nationalitäten, heute zwei Lehrerinnen. Seine rote Schirmmütze wirkt wie ein Schutzhelm auf dem schmalen, kleinen Kerl. Ständig tippt er den PIN in sein Smartphone, als wäre das ein Anker. Es erscheint ein Foto - von sich?: Ein Junge, keck, mit blond gefärbtem Pony, der frech nach oben steht. «Filmon muss noch lernen, dass er hier im Unterricht sein Handy weglegen muss», sagt Lehrerin Monika Pelzer. Der Junge versteht sofort, auch wenn er erst seit vier Monaten in Deutschland ist. Er hat in den Unterkünften gelernt.

Dieses «Straßendeutsch» bringe die Kinder in der Schule nicht entscheidend weiter, sagt Gülsah Mavruk vom Projekt Deutsch als Zweitsprache von der Universität Duisburg-Essen. Flüchtlingskinder hätten gute Voraussetzungen, Deutsch zu lernen, weil sie ihre Erstsprache sehr gut sprechen. Das Lernen müsse auch außerhalb der Schule gefördert werden. Das Projekt Deutsch als Zweitsprache bildet Lehrer aus und betreut 200 junge Flüchtlinge im Förderunterricht.

«Das Programm ist so stark besucht, die Kinder würden gerne viel häufiger kommen», sagt die Wissenschaftlerin. Die Kinder klagten über zu viel Freizeit, die sie nicht sinnvoll nutzen könnten. Deshalb würden viele Studenten in den Schulferien zur Sprachförderung eingesetzt. Das Problem mit den Ferien kennen auch die Aachener: Als es in die Sommerferien ging, wollten einige Flüchtlingskinder einfach nicht den Klassenraum verlassen.

Klassenlehrerin der B 1 ist Stephanie de Ram. Sie schreibt in ihrer feinsten Schreibschrift quer über die Tafel: «Die Oma kauft dem Jungen» - während sie schreibt, sagt irgendwer in die Klasse hinein «ein Auto». Unbeirrt schreibt de Ram weiter «ein großes Eis». Ein Schüler nach dem anderen muss laut vorlesen. Und dann geht es munter weiter: Wie viel Wörter hat der Satz? Wie heißt das zweite Wort? Was kauft die Oma dem Jungen? Alle sind sie bei der Sache.

In Nordrhein-Westfalen seien die Lehrer ja schon lange auf Deutsch als Zweitsprache vorbereitet, sagt die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marlis Tepe, in Frankfurt. «Das ist etwas anderes als zum Beispiel in manchen östlichen Bundesländern auf dem Land, wo man noch nie einen Migranten gesehen hat.» Vor kurzem habe sie mit einer Kollegin aus einer Grundschule in Brandenburg telefoniert, die jetzt zwölf Flüchtlingskinder bekomme. «Mit diesen Zwölf wissen sie nicht, was sie machen sollen. Die haben keinen, der das kann, Deutsch als Zweitsprache», sagt sie.

Die Masse der Lehrer in Deutschland sei 55 plus und in einer Zeit ausgebildet worden, in der Deutsch als Zweitsprache kein Thema war. Die Lehrer brauchten Fortbildung und mehr Personal. Selbst wenn ein Land wie Nordrhein-Westfalen 670 Stellen im Nachtragshaushalt genehmigt habe und Schleswig-Holstein 270 Stellen, werde das nicht reichen.

«Schtuuhl», spricht Monika Pelzer in der B 1 langsam in einer Kleingruppe und deutet dabei auf eine Skizze, die einen Stuhl zeigt. Mujahed aus dem Sudan spricht unsicher und sehr leise nach. Zuhause hat der 17-Jährige Lastwagen repariert. Er hat nie anders als in seinem Heimatdialekt gesprochen. Nicht immer können zwei Lehrerinnen den Kindern in einer Schulstunde helfen. Manchmal kommen auch Ehrenamtler.

Zu wenig Übergangsklassen, fehlende Dolmetscher und Sozialarbeiter, zu wenig Lehrer für Deutsch als Zweitsprache - diese Probleme sieht auch Pro Asyl in Deutschland. Kinder müssten manchmal monatelang warten, bis sie in die Schule gehen dürften. Problematisch sei zum Teil auch die Rechtslage: Flüchtlingskinder die noch in Notunterkünften wohnten, seien etwa in NRW nicht schulpflichtig. 18-Jährige und Ältere dürften gar keine Schule besuchen.

Schulleiterin Helga Pennartz ist Anfang 60 und strahlt Wärme, Fürsorglichkeit und Autorität aus. Sie legt Wert auf Atmosphäre: Die Zimmerpflanze in ihrem Büro, die kleine rote Glasskulptur, das Bild mit dem von Kinderhand gemalten Haus - es sind die Kleinigkeiten, die in ihrem freundlichen Büro wirken. Das gilt auch im Schulalltag. Wie diese Geste der Wertschätzung: Jeder Schüler wird morgens von dem jeweiligen Lehrer mit Handschlag begrüßt.

Als Pennartz vor rund 30 Jahren hier als Lehrerin angefangen hat, stand die Hauptschule im bevorzugten Wohngebiet am Stadtrand noch richtig «im Saft». Auch wenn die Tage der Hauptschule jetzt gezählt sind und viele reguläre Klassen schon gar nicht mehr existieren, wirkt die Schule einladend. Wenn die Hauptschule Ende des Jahres ausläuft, ist der Standort nur noch außerschulischer Lernort für Flüchtlinge.

Vor gut 30 Jahren gab es hier schon Förderklassen für Kinder mit Migrationshintergrund: Türken, Iraner, dann die Aussiedler, Jugoslawen. Jede Gruppe hatte ihre Zeit. Die Flüchtlingskinder sind eine ganz andere Herausforderung. Zuerst schweigen sie. Irgendwann erzählen sie. «Wir erfahren Details, die will man eigentlich nicht wissen, weil man dann nicht mehr schlafen kann», sagt Pennartz.

Manchmal schläft ein Kind mitten im Unterricht ein. Von Alpträumen immer wieder aufgeschreckt hat es in der Nacht nicht schlafen können und ist dann tagsüber müde. Erst in der Sicherheit der Klasse kommen diese Kinder zur Ruhe und schlafen ein. Für solche Fälle gibt es jetzt eine Liege. Wo die Familie tausende Kilometer weit entfernt ist, wird Schule so etwas wie Familie.

Wenn alle Stricke reißen, spielt die Direktorin auch mal mütterliche Autorität als letztes As aus. «Deine Mutter ist nicht da. Ich bin jetzt die Chefin», hat sie mal sehr bestimmt einem Schüler gesagt.