Revolutionäre Worte: Der Papst fordert eine Wende der Kirche

Papst-Worte, die hohe Wellen schlagen: Franziskus will eine Umkehr seiner Weltkirche. Sie soll nicht mehr wie besessen auf Schwulenehe, Abtreibung oder Verhütung fixiert sein, sondern müsse Wunden heilen.

Das Kirchenoberhaupt liebt offene Worte. Franziskus nimmt also kein Blatt vor den Mund, wenn es um seine katholische Weltkirche geht: In seinem ersten großen Interview verlangt der Papst nicht weniger als eine Wende - die Kirche solle sich nicht länger in die heiklen Fragen der Schwulenehe, der Scheidung, Abtreibung oder Verhütungsmethoden verbeißen.

Seine Herde der knapp 1,2 Milliarden Katholiken, so mahnt es der Papst an, müsse vielmehr missionarisch sein, offen, sich vor allem auch um das Wohl der Menschen, also der Sünder, kümmern: «Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht.» Die Losung des Papstes heißt dabei schlicht und einfach: «Die Wunden heilen, die Wunden heilen ... man muss unten anfangen.»

Der 76 Jahre alte Papst entpuppt sich mehr und mehr als ganz großer Kommunikator mit einem ganz großen Auftrag. Erst wenn diese «sozialen Wunden» geheilt sind, «dann können wir von allem Anderen sprechen.» Tenor also: Nicht andere verurteilen, vielmehr ihre Herzen erwärmen.

Und damit ist der Kurswechsel einer teils dümpelnden Weltkirche dringend angemahnt: «Die Kirche hat sich manchmal in kleine Dinge einschließen lassen, in kleine Vorschriften.» Diener dieser Kirche sollen aber vor allem Diener der Barmherzigkeit sein.

«Revolutionäre Worte» sieht der rechtsliberale Mailänder «Corriere della Sera» in diesem Versuch des Pontifex, seine an der Spitze verkrustete Kirche wachzurütteln. Franziskus reißt dabei die bekannten konservativen Dogmen der Kirche nicht ein, er praktiziert aber einen neuen Stil.

Wenn der Argentinier auf dem Stuhl Petri von Schwulenehe oder Scheidung spricht, dann ist das noch keine Umkehr von katholischen Lehren, sehr wohl aber der offensive Ruf nach einer Umgewichtung: «Wir können uns nicht nur mit der Frage um die Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit den Verhütungsmethoden.» Das geht nicht mehr, hält der Jesuit im Interview mit jesuitischen Zeitschriften fest. Katholische Seelsorge dürfe heutzutage schlichtweg nicht mehr davon besessen sein, eine Menge Lehren unterschiedslos aufzudrängen.

«Der Beichtstuhl ist kein Folterinstrument, sondern der Ort der Barmherzigkeit.» Das ist einer der vielen Sätze, mit denen der Papst zu einer neuen Haltung aufruft, damit das moralische Haus der Kirche nicht wie ein Kartenhaus zusammenfalle. Er will eine aktive, tiefe und ausstrahlende Verkündigung des Evangeliums. Die Gläubigen wollten Hirten, keine «Funktionäre oder Staatskleriker» - eine harsche Kritik vor allem an der Kurie in Rom, die er noch reformieren will. Und aus der heraus er wohl auch schon attackiert wurde, wie er im Gespräch offenbart: «Ich habe nicht viel über diese Sachen (wie Abtreibung, Schwulenehe) gesprochen. Das wurde mir vorgeworfen.»

Der Glaube soll im 21. Jahrhundert also nicht eine Ideologie unter vielen sein. Vonnöten ist eine nach vorne gerichtete Vision, die dem Einzelnen Freiheit lässt statt ihn mit katholischen Vorschriften praktisch zu umzingeln: «Es darf keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben.» Wieder so ein markanter Papst-Satz, mit dem Bergoglio seiner Kirche nun neue Wege, neue Räume auftun will.

Er war gewählt worden als ein Papst, der aus dem fernen Argentinien in das ihm kaum vertraute Rom kam, um von seiner Kirche - und ausdrücklich auch von den Bischöfen - nachdrücklich Mut und Kühnheit anzumahnen. «Wer in übertriebener Weise die "Sicherheit" in der Lehre sucht, wer verbissen die verlorene Vergangenheit sucht, hat eine statische und rückwärtsgewandte Vision.» Die verwirft der Papst aus Buenos Aires, der sich nicht zum rechten Flügel der Kirche zählt und schon auf seiner «fliegenden Pressekonferenz» nach dem Weltjugendtag in Rio de Janeiro klar sagte, dass die Kirche die Schwulen nicht verurteile.

Seine Treue zur katholischen Morallehre bestätigt er ganz nebenbei in dem Interview. Die Ansichten der katholischen Kirche sind bekannt genug, und er sei doch auch ein Sohn der Kirche. Und für die Frauen wünscht er sich dort mehr Einfluss, dabei aber keine «Männlichkeit im Rock». Ein Monarch im Hofstaat Vatikan will dieser Papst bei alledem nicht sein, und seine Kirche hat er schon ein gutes Stück entstaubt.