Rosbergs Wahrheit: «Nichts mehr zu verlieren»

Die gewohnte Vorbereitung auf den diesmal getrübten Nachtklassiker muss drunter leiden, ansonsten will sich Nico Rosberg auch vom Smog über Singapur nicht aufhalten lassen.

Der gebürtige Wiesbadener weiß: Er muss im Formel-1-Titelkampf gegen seinen fast übermächtigen Mercedes-Teamkollegen Lewis Hamilton dringend die Wende einleiten. «Jetzt gehe ich die verbleibenden sieben Rennen mit der Einstellung an, dass ich nichts mehr zu verlieren habe», sagt Rosberg.

Der Große Preis von Singapur ist Teil 1 des Sieben-Stufen-Plans bis aufs oberste finale WM-Treppchen. Allerdings sind die Vorzeichen fast so trüb wie der Himmel seit Tagen über der sonst so glamourösen Stadt: Gewinnen konnte Rosberg in Singapur selbst bei bestem Wetter noch nie, Hamilton schon zweimal - jeweils von der Pole.

«Es wird ganz sicher nicht einfach, es zum dritten Mal zu schaffen. Aber ich nehme den Schwung mit und werde alles für den Hattrick geben», kündigt Hamilton an. Als ob der Brite in diesem Jahr nicht ohnehin schon mit fast beängstigender Leichtigkeit seinem dritten WM-Triumph entgegenfahren würde.

Als es vor einem Jahr nach Singapur ging, lag Hamilton mit 22 Punkten Rückstand im WM-Klassement hinter Rosberg. Was machte er? Er holte fünf Siege aus den verbleibenden sechs Rennen und wurde nach 2008 zum zweiten Mal Weltmeister. Vielleicht sollte sich Rosberg gerade am so ungleichen Teamrivalen ein Beispiel nehmen.

Doch das Rennen auf dem Marina Bay Street Circuit ist letztlich auch für Hamilton unberechenbar. Auch er schied schon zweimal dort aus. Passiert es nun wieder, und Rosberg punktet nach seinem Motordefekt in Monza, sähe dessen Formel-1-Welt auch wieder besser aus. Nah dran am Sieg beim anstrengendsten Rennen im Kalender war Rosberg zumindest schon 2008, beim Sieg von Fernando Alonso im ersten Singapur-Rennen überhaupt dank eines fingierten Unfalls seines Teamkollegen Nelson Piquet Junior wurde Rosberg Zweiter. Es blieb sein bisher einziger Podestplatz dort.

Dafür prägt ein anderer Deutscher bislang die Bilanz des Rennens: Sebastian Vettel gewann 2011, 2012 und 2013 den Grand Prix, der wie der Klassiker in Monaco bei Nacht, vor moderner Kulisse und bei teilweise brutalen äußeren Bedingungen anmutet wie «ein Killer», befand Vettel schon einmal.

Nur wird es diesmal noch schlimmer. Zur Hitze von über 30 Grad und einer Luftfeuchtigkeit über 90 Prozent kommt der Smog. Seit Tagen sind die Spitzen der Wolkenkratzer kaum zu sehen. Rauch von Bränden, die Bauern auf der Nachbarinsel Sumatra zur Landgewinnung gelegt haben, wird nach Singapur geweht. Der Verkauf von Atemmasken stieg bereits deutlich an, auch an der Strecke liegen sie aus. Seit Tagen werden die Luftverhältnisse von den Behörden als ungesund eingestuft. Augen und Atemwege sind besonders betroffen.

Das sind keine idealen Bedingungen, um mit knapp 300 Sachen durch Häuserschluchten zu rasen. Linderung bringen zwar Regenschauer, die auch für kommenden Tage angesagt sind. Aber meist nur kurzfristig. Die Veranstalter sehen noch keinen Grund, irgendetwas am Ablauf des Rennwochenendes zu ändern.

Rosberg stellt sich aber auf die neuen Verhältnisse ein. Am Mittwochnachmittag wollte er in Singapur ankommen, sein Training zur Vorbereitung auf den 13. WM-Lauf wird er von draußen nach drinnen verlagern. Das allerdings geht etwas zulasten der notwendigen Akklimatisierung und entgegen den sonstigen Gewohnheiten.

Seit Dienstag ist Hamilton vor Ort. Nach einem Abstecher auf die New York Fashion Week ging es in die asiatische Metropole. «Langer Flug, aber wir haben es geschafft», verkündete er. Für den Gejagten der laufenden Saison könnte es auch ein langes Rennen werden.

Safety-Car-Phasen gehören praktisch zum Standard beim Nachtrennen in Singapur - noch nie ging es ohne Einsatz des Sicherheitswagens über die Bühne. Die Renndauer von maximal zwei Stunden wird nicht selten ausgereizt.

Schafft Hamilton es aber erneut auf Platz eins, baut er seinen Vorsprung auf Rosberg auf mindestens 60 Punkte aus, sollte dieser wenigstens Platz zwei retten. Doch das ist letztlich nicht genug für die Wende. Daher lautet Rosbergs Devise: «Volle Attacke.»