Rumsfeld und Armstrong: Entlarvende Dokus in Venedig

Sie sind große Persönlichkeiten ihrer Zeit: Ex-US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und Radsportler Lance Armstrong. Beide bewundert und verhasst zugleich. Zwei Dokumentationen beim Filmfest Venedig gehen diesen Mythen nun auf den Grund.

Rumsfeld und Armstrong: Entlarvende Dokus in Venedig
Claudio Onorati Rumsfeld und Armstrong: Entlarvende Dokus in Venedig

So gewährt das mit Spannung erwartete Werk «The Unknown Known» des Oscar-Preisträgers Errol Morris einen Einblick in das Leben und Denken des mittlerweile 81-jährigen Politikers Rumsfeld - entlarvende Widersprüche zum Irakkrieg inklusive. «Die Armstrong-Lüge» wiederum beleuchtet den Betrug des einstigen Tour-de-France-Gewinners und die Dopingmachenschaften im Profi-Radsport.

Mit der Rumsfeld-Doku «The Unknown Known», die am Mittwoch im Wettbewerb lief, knüpft der Amerikaner Morris an seine früheren Werke an. In «Standard Operating Procedure» beispielsweise ging er den Abu-Ghoreib-Folterskandal im Gefängnis im Irak nach, für die Polit-Doku «The Fog of War» gab es 2004 einen Oscar. Jetzt gelang es ihm, Rumsfeld für längere Gespräche vor die Kamera zu bekommen.

Morris konfrontiert den Ex-Minister mit dessen Aussagen aus der Vergangenheit und schneidet immer wieder ältere TV-Ausschnitte, Grafiken, Luftaufnahmen und Archivfotos dazwischen. Vor allem aber bilden Abertausende Notizzettel von Rumsfeld eine Grundlage für den Film. Der Politiker hielt in seiner langen Karriere, in der er bereits für die Ex-Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford arbeitete, viele Gespräche und Gedanken schriftlich fest.

Wirklich demontiert wird die Person Rumsfeld dabei zwar nicht. Dafür ist er nach all den Jahren im Politgeschäft zu gewieft, zu wenig selbstkritisch. Dennoch gelingt es Morris, einige Widersprüche festzuhalten. Etwa wenn Rumsfeld unter Präsident George W. Bush erst versichert, der Irak habe Massenvernichtungswaffen, nur um nun, Jahre später, zu erklären, Saddam Hussein habe sicher welche gehabt, diese aber zerstört und niemandem davon erzählt.

US-Regisseur Alex Gibney hingegen bringt in «The Armstrong Lie» nicht nur das Doping und die jahrelangen Lügen der früheren Sportlegende auf die Leinwand. Er stellt Armstrong auch als manipulativen Machtmenschen dar, der selbst nach seinem Geständnis zu Jahresanfang versucht, die Geschichte in seinem Sinn zu erzählen. Das außer Konkurrenz laufende Werk bringt dabei nichts wirklich Neues. Dennoch führt Gibneys Montage von Aussagen früherer Weggefährten sowie Interviews mit dem gefallenen Superstar einmal mehr die Ausmaße des Skandals vor Augen.

Die Radsport-Organisationen fühlten sich wieder sicher, da ihr Sündenbock verschwunden sei, kritisierte Gibney dann auch, bevor er am Dienstagabend zu einer Festivalvorstellung des Films kam. «Ich wette, dass man auch bei anderen früheren Radsport-Champions Dopingmittel im Blut finden würde.» Es sei allerdings bequem, mit dem Finger auf Armstrong zu zeigen und zu sagen: «Er ist der Böse.»