«Runter vom Gaspedal!»: Die Polizei blitzt in halb Europas

Die Polizei hat beim ersten europäischen Blitz-Marathon zahlreiche Temposünder ausgebremst - obwohl die Aktion vorher schon bekannt war. Viele Auto- und Motorradfahrer waren vorsichtiger unterwegs als sonst.

Am Donnerstag um 6.00 Uhr ging es los: Allein in Deutschland blitzten rund 13 000 Polizisten an 7000 Stellen - ob innerorts oder außerhalb von Ortschaften. In Deutschland war es die dritte Blitzer-Aktion. Erstmals machten 21 weitere europäische Länder mit, darunter die Nachbarländer Niederlande, Belgien und Luxemburg. Die Ergebnisse werden am Freitag veröffentlicht.

Einige Autofahrer hatten eine Art «Bleifuß» auf dem Gaspedal. In Berlin-Mitte fuhr ein Autofahrer Tempo 90 bei erlaubten 50 Kilometer pro Stunde, In Neuss blitzten die Beamten einen Pizzataxi-Fahrer mit 60 Kilometer pro Stunde in einer Tempo-30-Zone. Wäre er ein Kilometer pro Stunde schneller gefahren, hätte er laut Polizei ein Fahrverbot kassiert. In Hessen auf der A480 bei Gießen wurde ausgerechnet ein russischer Polizist in einer Baustelle mit 140 km/h geblitzt, er hatte von der Aktion angeblich nichts mitbekommen.

Viele Fahrer waren aber auf die Blitzer eingestellt. Bei der Polizei Koblenz hieß es: «Dieses Jahr strengt sich wirklich jeder an, sich an die Geschwindigkeit zu halten.» Die Kontrollstellen wurden vorab im Internet veröffentlicht. Bürger konnten Vorschläge für die Blitzerorte machen. Wer 20 Kilometer pro Stunde zu schnell fährt, muss mit einem Bußgeld bis 35 Euro rechnen, wer mehr als 50 km/h zu schnell ist, mit einer Strafe ab 240 Euro.

Im vergangenen Jahr wurden nach Jahren des Rückgangs wieder mehr Moped- oder Motorradfahrer verunglückt. Die Polizei zählte laut vorläufigen Zahlen 45 500 Zweiradunfälle mit sogenanntem Personenschaden. 2013 waren es 41 150 gewesen. 675 Motorradunfälle endeten 2014 tödlich, teilte das Statistische Bundesamt mit.

Ursprünglich stammt der Blitz-Marathon aus Nordrhein-Westfalen. Andere Länder in Europa fanden die Aktion so sinnvoll, dass sie im Polizei-Netzwerk Tispol beschlossen, sie zu übernehmen. Auch anderswo in Europa gingen Temposünder der Polizei ins Netz: Im Großherzogtum Luxemburg wurde ein Raser mit 191 Kilometer pro Stunde erwischt, wo maximal Tempo 130 erlaubt ist.

In Deutschland starben im vergangenen Jahr 3350 Menschen bei Verkehrsunfällen, meist wegen zu schnellen Fahrens. Die Blitz-Aktion ist aus Sicht des Chefs der Länder-Innenministerkonferenz, Roger Lewentz (SPD), ein wirksames Mittel: «Wenn wir es heute schaffen, dass ein schwerer Unfall verhindert wird, haben wir auch schon was erreicht», sagte der rheinland-pfälzische Ressortchef der Deutschen Presse-Agentur.

Auch die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) hält die Aktion für geeignet. «Es geht der Polizei eben nicht darum, Bußgelder einzutreiben, sondern die Menschen für das Thema Verkehrssicherheit zu sensibilisieren», teilte der Bundesvorsitzende Rainer Wendt mit.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) Berlin kritisierte die Aktion als Blitzershow. Für mehr Kontrollen sei mehr Personal nötig. Eine Mehrheit der Bundesbürger hatte in einer Umfrage des Instituts YouGov erklärt, am nächsten Tag werde wieder gerast.

Der Blitz-Marathon sollte wegen der Trauerfeier für die Opfer der abgestürzten Germanwings-Maschine an diesem Freitag schon um Mitternacht enden. In Bayern dauert die Aktion noch bis 23. April, wird aber wegen des Gedenkens in Köln einen Tag unterbrochen.

Die Polizei Schleswig-Holstein nahm wegen des Außenminister-Treffens der G7-Staaten nicht teil. Beim zweiten bundesweiten Kontrolltag 2014 zählte die Polizei 93 000 von rund drei Millionen kontrollierten Autofahrern, die zu schnell waren.