Russland nach dem Doping-Beben

Beim russischen Geheimdienst müssen damals ordentlich die Korken geknallt haben. «Olympia in Sotschi war ein Meilenstein im Kampf gegen Doping», schwärmte die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA).

Russland nach dem Doping-Beben
Mikhail Klimentiev/Ria Novosti/K Russland nach dem Doping-Beben

So stand es vor zwei Jahren in ihrem Abschlussbericht über die Winterspiele 2014 in dem russischen Schwarzmeerkurort. Die WADA verpasste Gastgeber Russland damit das ersehnte Gütesiegel gegen jeden Betrugsverdacht.

Heute klingen die Worte wie purer Hohn. Denn glaubt man Moskaus damaligen Anti-Dopingchef Grigori Rodschenkow, war das Ringespektakel eine massive Täuschung - unter Mitwirkung des Inlandgeheimdienstes FSB. So ist es jedenfalls im aktuellen WADA-Bericht zu lesen, der Russland als Fälscher anprangert. Die stolze Sportnation sieht sich mit dem Rücken zur Wand - an einem ihrer glanzvollsten Jahrestage.

Vor genau 36 Jahren, am 19. Juli 1980, wurden in Moskau feierlich die Olympischen Sommerspiele eröffnet. Bereits damals war das Turnier überschattet von westlicher Kritik. Viele Länder boykottierten Olympia in Moskau wegen des Einmarsches der UdSSR in Afghanistan.

Präsident Wladimir Putin reiste nach dem schockierenden WADA-Bericht über Staatsdoping bei Olympia in Sotschi erst einmal nach - Sotschi. Offiziell auf dem Programm: ein Besuch des Kinderheims «Sirius» in dem Schwarzmeerkurort. Demonstrativ wollte der Kremlchef, der nach Veröffentlichung des Berichts zur Besonnenheit aufgerufen hatte, zur Tagesordnung übergehen. Aber in der Hauptstadt überschlugen sich währenddessen die Reaktionen auf die massiven Vorwürfe der WADA.

Im Visier steht vor allem der Whistleblower Rodschenkow. Russlands früherer Anti-Dopingchef packte nach seiner Flucht in die USA über unsaubere Praktiken während der Winterspiele in Sotschi aus. Demnach wurden Urinproben heimlich durch ein Loch in der Wand ausgetauscht. Rodschenkow müsse man wegsperren, polterte der Chef des Sportausschusses im russischen Parlament, Dmitri Swischtschjow.

Sein Abgeordnetenkollege Igor Lebedew forderte gar einen Boykott von Olympia im August in Rio de Janeiro. Damit könne Russland einem drohenden Komplettausschluss von den Sommerspielen zuvorkommen, meinte der Parlaments-Vizechef: «Angriff ist die beste Verteidigung.»

Mit Macht stemmt sich das Riesenreich gegen das Aus - mitunter mit umstrittenen Methoden. So beschimpft Präsidentensprecher Dmitri Peskow russische Sportler und Ex-Funktionäre, die im Ausland von Doping berichten, als Verleumder und Verräter. Doch Russlands Ruf ist ramponiert. Nicht nur Dopingfälle, sondern auch gewalttätige Fans bei der Fußball-EM in Frankreich sorgten für Negativschlagzeilen - nur zwei Jahre vor der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Allerdings randalierten auch britische und deutsche Anhänger.

Das Bild von Russland als Sport-Weltmacht droht nur zwei Jahre nach den vom Kreml glanzvoll inszenierten «Winterspielen unter Palmen» in Sotschi wie ein Kartenhaus zusammenzufallen. Und immer mehr wird der Streit in politischen Krisenzeiten auch zu einem Konflikt zwischen Ost und West. Russische Funktionäre halten die Vorwürfe für Rufmord. Für sie ist klar: Die Schuldigen sitzen im Westen und knüpfen mit einer Kampagne an die Sanktionen wegen der Ukraine-Krise an.

Für viele Russen ist es ungerecht, dass ein «sauberer» Sportler nicht nach Rio fahren darf, weil ein anderer Sportler vor zwei Jahren in Sotschi gedopt war. Und dass nur Russland als Dopingsünder angeprangert wird, obwohl auch in anderen Ländern Athleten verbotene Präparate einnehmen. «Schauen Sie in die USA: Der siebenfache Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong hat gedopt, und niemand schuf eine Kommission, um das Land auszuschließen», wettert Sportminister Witali Mutko, der im WADA-Bericht als Mitwisser bezeichnet wird.

Der Kommentator des russischen Radiosenders Echo Moskwy, Anton Orech, zog ein bitteres Zwischenfazit der Affäre: «Wie sich die Zeiten ändern: Früher wollten wir die Medaillenwertung von Olympia gewinnen. Heute sind wir froh, wenn wir überhaupt dabei sein dürfen.»