RWE warnt vor Stromengpass und setzt auf Sparkurs

Der Energieriese RWE sieht sich durch die Energiewende in Deutschland zunehmend in die Enge getrieben. In einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» warnte Vorstandschef Peter Terium vor Engpässen in der Stromversorgung und vor möglichen Blackouts in Europa.

«Der ganze Kontinent manövriert sich auf längere Sicht in eine kritische Lage.» Hintergrund sind unter anderem die angekündigten Schließungen von Kohle- und Gaskraftwerken, die durch den kräftigen Ausbau der Erneuerbaren Energien und fallende Preise an der Strombörse zunehmend unrentabel geworden sind.

Nach einem Bericht des «Handelsblattes» (Mittwochausgabe) steht der Konzern angeblich vor einem radikalen Umbau. So soll das Unternehmen ganz auf die Energiewende ausgerichtet werden. Das Blatt berief sich dabei auf ein vertrauliches Papier mit dem Titel «RWE Corporate Story». Eine Unternehmenssprecherin wollte nicht dazu Stellung nehmen. Wie die Zeitung schreibt, plant der Konzern nur noch Investitionen in erneuerbare Energien – und nicht mehr in neue fossile Kraftwerke. Zugleich will Terium im Vertrieb und Verteilnetz Geschäftsmodelle für dezentrale Energien entwickeln.

Wegen der Probleme bei der konventionellen Stromerzeugung drohen bei RWE die Geschäfte einzubrechen. «Unser Ergebnis wird dramatisch sinken», prophezeite der Vorstandschef in dem Zeitungsinterview. Deshalb müsse das Unternehmen, das 70 000 Menschen beschäftigt und einen Jahresumsatz von rund 50 Milliarden Euro erwirtschaftet, mit einem neuen Sparprogramm nachlegen. Dabei will Terium vor allem Kosten senken, Investitionen zurückfahren und auf neuen Geschäftsfeldern die Gewinneinbußen abfedern. «Unser Geschäft wird dezentraler», sagte er.

Die Verschärfung des Sparkurses löste Kritik bei den Arbeitnehmern aus. «Noch ehe das eine Sparprogramm umgesetzt ist, bereits das nächste anzukündigen, fördert sicher nicht das Vertrauen in die Weitsicht des Managements», sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft IGBCE, Michael Vassiliadis, der «Westdeutschen Allgemeinen Zeitung» (Mittwoch). Gleichzeitig kritisierte er auch die Warnungen des RWE-Chefs vor einem Blackout. «Wer sich dem Verdacht einer energiepolitischen Angstmache aussetzt, gewinnt nicht an Glaubwürdigkeit».

In den vergangenen Monaten hatten neben dem Essener Konzern auch andere Erzeuger angekündigt, Kapazitäten vom Netz zu nehmen. Bei der Bundesnetzagentur liegen derzeit Anträge zur Schließung von 28 Kraftwerksblöcken mit insgesamt knapp 7000 Megawatt vor. Die Übertragungsnetzbetreiber haben fünf dieser Anlagen als systemrelevant eingestuft. Demnach ist ihre Abschaltung nicht möglich. Für das Vorhalten der Kapazitäten, die zum Ausgleich für mögliche wind- und sonnenschwache Tage benötigt werden, bekommen die Unternehmen aber eine Entschädigung.

RWE hatte bereits Mitte August angekündigt, bis 2016 rund 3100 Megawatt an konventioneller Erzeugung vom Netz zu nehmen. In Europa stünden darüber hinaus rund 10 000 Megawatt unter kritischer Beobachtung. Allein der Ausstieg bei der Kernenergie werde sich bei RWE bis 2022 mit 4000 Megawatt bemerkbar machen.

Ein Sprecher des Berliner Bundeswirtschaftsministeriums wies die Warnungen über einen drohenden Blackout zurück: «Die Versorgung mit Strom in Deutschland ist sicher. Dies gilt insbesondere auch für die kommenden Winter und auch für extreme Situationen.»

Die Abschaltung konventioneller Kraftwerke sei kein Problem der Energiewende, sondern ihr Ziel, kommentierte eine Sprecherin von Greenpeace den Bericht der Zeitung. RWE schüre erneut überzogene Ängste vor Stromausfällen. Dabei gehe es dem Konzern nur um weitere Subventionen für klimaschädliche Kohlemeiler.