Sächsischer Ort bringt Flüchtlinge in eigenen Wohnungen unter

Buchholz (dpa) - Die Bewohner des Erzgebirges in Sachsen sind für ihre Gastfreundschaft bekannt. Dass sie sich in diesen Tagen in Annaberg-Buchholz auch auf Flüchtlinge erstreckt, scheint dagegen nicht selbstverständlich.

Sächsischer Ort bringt Flüchtlinge in eigenen Wohnungen unter
Jörg Schurig Sächsischer Ort bringt Flüchtlinge in eigenen Wohnungen unter

In Sachsen, wo die islamkritische Pegida-Bewegung, Rechtspopulisten und offen auftretende Ausländerfeinde seit Monaten Stimmung gegen Asylsuchende machen, ist das geradezu bemerkenswert. Annaberg-Buchholz hat von Anfang an alle Flüchtlinge in stadteigenen Wohnungen untergebracht. «Die Erfahrungen zeigen uns, dass dieser Weg der richtige ist», sagt Bürgermeister Thomas Proksch und hofft, dass andere Kommunen dem Beispiel folgen.

Proksch ist in Annaberg-Buchholz, der Hauptstadt des Erzgebirges, für Bau und Wirtschaft zuständig. In diesem Amt muss der 50-Jährige praktisch denken. «Natürlich wäre eine zentrale Unterbringung der Betroffenen in einem Heim kostengünstiger. Wir müssen aber überlegen, was uns wichtiger ist. Und das sind Integration und Akzeptanz.» Seine Kollegin Manuela Dietz, im Rathaus für die Bereiche Bildung und Soziales mitverantwortlich, pflichtet ihm bei: Fehlende Integration komme mit all ihren Problemen am Ende teurer zu stehen.

Annaberg-Buchholz lässt seine Flüchtlinge über die ganze Stadt verstreut wohnen. Schnell fanden sich Einheimische, die Asylsuchende betreuen wollten. «Wir versuchen ihnen im Alltag zu helfen, beispielsweise bei Behördengängen und Arztbesuchen», berichtet Carola Lange, die den «Unterstützerkreis» der Flüchtlinge anleitet. Auch die Freizeitgestaltung sei ein wichtiges Anliegen: «Die Leute haben nichts zu tun. Das ist das größte Problem der Flüchtlinge. Die können nur warten.»

Lange berichtet von Betroffenen, die schon ein Jahr im Erzgebirge sind und noch immer kein erstes Interview beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatten. Und sie erzählt davon, wie gern die Asylbewerber Deutsch lernen und auch arbeiten möchten. Zwei von ihnen hat die Stadt jetzt in ihrem Betriebshof auf Basis einer geringfügigen Beschäftigung unter die Fittiche genommen. Sie leisten gemeinnützige Arbeit, Mitarbeiter des Betriebshofes haben eine Patenschaft übernommen. Proksch kann sich vorstellen, noch mehr Asylbewerber auf diese Weise einzubinden: «Das ist die beste Form der Integration», sagte der Amtschef.

Frau Lange und ihre rund 40 Mitstreiter aus Kirchen und Schulen, Vereinen und Einrichtungen möchten auch für jene Einwohner der Stadt Ansprechpartner sein, die mit den Flüchtlingen zusammenleben. Der gemeinsame Grillabend gehört mancherorts schon zum guten Umgangston. Freilich tauchen auch immer mal wieder kleine Missverständnisse auf. Dass eine Frau unlängst mit vollständiger Kleidung im Waldbad ins Wasser ging, hat in der Stadt schnell die Runde gemacht. Proksch verschweigt nicht, dass ein paar Bewohner auch abfällige Bemerkungen machen. «Das sind meist diejenigen, die immer etwas zu meckern haben.»

Proksch hält auch mit anderen Problemen nicht hinterm Berg. Mitunter fühle man sich von Land und Bund im Stich gelassen. «Von den Versprechungen der großen Politik ist bei uns noch nichts angekommen», sagt der Bürgermeister. Den Worten müssten aber nun endlich Taten folgen. Die Zuschüsse des Landes für die Flüchtlinge reichten nicht aus. Und auch bei den Sachkosten, die dem «Unterstützerkreis» bei seiner Arbeit entstehen, gelte es einen Ausgleich zu machen: «Man kann nicht erwarten, dass jedes Jahr dafür die Weihnachtskollekte geopfert wird.» Außerdem wünscht sich Proksch eine schnelle Information, wer nun bleiben darf oder nicht.

«Ja, wir fühlen uns manchmal im Stich gelassen», räumt der Kommunalpolitiker ein. Dass Annaberg quasi über Nacht eine DaZ-Klasse (Deutsch als Zweitsprache) einrichten musste und dabei nicht die gewünschte Unterstützung der Bildungsagentur erhielt, findet Proksch unbedingt verbesserungswürdig.

Proksch hofft darauf, dass die bereits integrierten Flüchtlinge bei Erhalt eines Aufenthaltstitels dann auch wirklich in Annaberg-Buchholz bleiben. «Wir wünschen uns, dass die Leute hier sesshaft werden.» Noch sei in Annaberg-Buchholz die Bereitschaft zur Aufnahme von Flüchtlingen vorhanden: «Wir sind aber keine Insel der Glückseligen. Die Stimmung kann auch kippen. Das ist uns klar.»