Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich

Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland ist trotz guter Konjunktur laut Experten in den vergangenen Jahren gewachsen.

«Auch in einer Phase mit Rekordbeschäftigung haben wir keine zurückgehenden Armutsquoten», sagte die Sozialexpertin Dorothee Spannagel der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Einen Überblick zur Entwicklung der Armut will der Paritätische Wohlfahrtsverband mit weiteren Verbänden an diesem Dienstag in Berlin geben.

Spannagel hat die Entwicklung für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung untersucht. «Die Einkommensungleichheit hat seit den 90er Jahren zugenommen, vor allem zwischen 1999 und 2005», sagte sie. «Damals hat sie in Deutschland europaweit so stark zugenommen wie in sonst keinem anderen Land.» Zwar sank die Ungleichheit gemessen am Haushaltseinkommen von da an bis 2010 wieder. Dann vergrößerte sich die Kluft aber wieder. Die Daten, auf die sich Spannagel in ihrer jüngsten Studie vom vergangenen Herbst beruft, reichen allerdings nur bis 2012.

Hauptursache für die Ungleichheit sei, dass es Lohnzuwächse vor allem bei den höheren Gehältern gegeben habe. Der Niedriglohnbereich sei davon weitgehend abgekoppelt, so Spannagel. Zudem sei die Bedeutung der Kapitaleinkünfte im Vergleich zum Lohneinkommen gewachsen.

Nach Daten des Statistischen Bundesamts verfügen die obersten zehn Prozent der Haushalte über 51,9 Prozent des Nettovermögens - die untere Hälfte nur über 1 Prozent. Diese jüngsten Zahlen zeigen den Stand von 2013. 1998 hatten die reichsten zehn Prozent nur 45,1 Prozent, die unteren 50 Prozent 2,9 Prozent des Vermögens.

Spannagel betonte, für die untere Mitte hätten sich die Aufstiegschancen verringert und die Abstiegsrisiken vergrößert. In den Jahren seit 2005 seien mit knapp 16 Prozent etwa deutlich mehr Menschen aus der unteren Mitte der Einkommensverteilung abgestiegen als dies in den 80er Jahren mit knapp 12 Prozent der Fall gewesen sei. «Das ist ein massiver Einschnitt in die Chancengleichheit», sagte Spannagel.