«Selbstbestimmt bis zuletzt» - Abschied von Erich Loest

Am Ende hat das Alter Erich Loest wohl mehr zugesetzt, als der Schriftsteller aushalten mochte. «Er war zu stark, um sich Schwäche zu leisten», sagte der Weggefährte Werner Schulz, früher Bürgerrechtler und jetzt EU-Parlamentarier der Grünen, bei der Trauerfeier für den Autoren in Leipzig.

Es ist seine Erklärung für Loests «selbstbestimmten, eigenwilligen letzten Schritt». Der 87-jährige Loest starb am 12. September nach dem Sturz aus einem Fenster der Leipziger Universitätsklinik. Am Freitag nahmen Angehörige und Freunde Abschied.

Etwa 300 Menschen kamen zur Trauerfeier in die Leipziger Nikolaikirche - jener Kirche, der Loest 1995 mit seinem gleichnamigen Roman ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Viele Kulturschaffende waren da, Museumsdirektoren ebenso wie der Direktor der Leipziger Buchmesse. Auch der frühere sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) war gekommen.

Die Familie von Erich Loest nahm auf den vorderen Kirchenbänken Platz. Den braunen Holzsarg vor dem Altar schmückte ein dezentes weißes Blumengebinde. Ein Sepia-Foto daneben zeigte Loest im Profil mit nachdenklichem, aber entschlossenem Blick.

Der Trauerredner - Loest selbst hatte sich Werner Schulz gewünscht - erinnerte an den Schriftsteller als aufrechten Zeitzeugen des bewegten 20. Jahrhunderts. «Sein Leben war geprägt von den großen Malaisen der Geschichte», sagte Schulz. Junger Soldat im Zweiten Weltkrieg, Häftling im Stasi-Knast Bautzen, aus der DDR nach Westdeutschland Ausgereister und schließlich, nach dem Mauerfall, Rückkehrer nach Sachsen - aus seiner Biografie speiste sich Loests umfangreiches literarisches Schaffen mit mehr als 70 Büchern.

«Wer unsere Geschichte kennen und verstehen will, kommt am Werk von Erich Loest nicht vorbei», sagte Schulz. Der Autor sei ein brillanter Erzähler gewesen, der in eine Reihe mit den «Jahrhundert-Chronisten» Heinrich Böll und Günter Grass gehöre. Auch politisch mischte sich Loest ein, konnte unbequem sein. Aber, so sagte Schulz: «So unnachgiebig er war, er war kein Rechthaber. Die Geschichte hat ihm Recht gegeben.»

Auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) würdigte den 87-Jährigen als Mann, dem Freiheit und Selbstbestimmung bis zuletzt wichtig gewesen seien. Loest war Ehrenbürger Leipzigs - und auch Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Mittweida in Mittelsachsen. Dorthin wurde der Sarg nach der Trauerfeier überführt. Es war der letzte Wille Loests, in Mittweida begraben zu werden.