Serbien und Albanien beschuldigen sich gegenseitig

Die Politiker schieben sich nach dem Fußball-Debakel auf dem Balkan gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Noch immer bekämpfen sich Serben und Albaner auch außerhalb des Stadions.

In Nordserbien brannten zwei Tage nach dem abgebrochenen EM-Qualifikationsspiel albanische Bäckereien. In der Serbenhochburg Mitrovica zündeten Albaner serbische Fahnen an. Funktionäre der Serben fordern, das Skandal-Spiel zu ihren Gunsten zu werten, während die Albaner über schwere Tätlichkeiten gegen ihre Nationalspieler klagten.

«So viel Hass habe ich noch nie erlebt», sagte Albaniens Co-Trainer Altin Lala, 14 Jahre lang Bundesliga-Profi bei Hannover 96. Über seine Gefühle nach der kurz vor der Halbzeit abgebrochenen Begegnung gegen Serbien in Belgrad sagte Lala in der «Bild»: «Ich hatte Todesangst.»

Auch zwei Tage nach den Vorfällen auf und um den Platz haben sich die Gemüter nicht beruhigt. Vor allem die serbischen Medien heizen die Stimmung weiter an. «Die wollen Krieg mit Serbien», titelte die Belgrader Zeitung «Kurir». «Teuflischer Plan Tiranas», stellte «Nase Novine» auf den Titel. Von «Fußballterror» und «Schweinerei» spricht das Boulevardblatt «Informer».

«Albanien braucht noch Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, um ein normaler Staat zu werden», sagte Serbiens Präsident Tomislav Nikolic. Albaniens Regierungschef Edi Rama hält dagegen: «Albanien und die Albaner werden sich nicht auf dieses Niveau begeben.»

Auslöser des Spielabbruchs war eine per Fernsteuerung ins Stadion gelenkte Drohne, an der eine Fahne mit einer Abbildung Groß-Albaniens befestigt war. Bei der Aufarbeitung gibt es weiter viele Ungereimtheiten. Die Polizei will inzwischen Einzelheiten der albanischen Provokation herausgefunden haben. Demnach sei ein Albaner über den Blitzableiter auf die Kuppel der orthodoxen Kirche «Erzengel Gabriel» neben dem Stadion geklettert, wo er die Drohne platziert habe. Von dort sei sie von Edi Ramas Bruder Olsi aus der VIP-Loge ins Stadion gesteuert worden.

Ein brisantes Ergebnis, weil die muslimischen Albaner und die orthodoxen Serben traditionell ihre Intoleranz pflegen. Die albanischen Nationalisten konnten damit die serbischen Gastgeber zusätzlich demütigen. Der serbische Fußballverband FAS teilte unterdessen mit, man erwarte, dass die Kontroll-, Ethik- und Disziplinarkammer der UEFA die Begegnung mit 3:0 für Serbien werte.

Freiburgs serbischer Bundesliga-Profi Stefan Mitrovic hatte das Banner eingefangen, danach begannen die Tumulte. «Da kam ein Gegenstand aufs Spielfeld geflogen, den wollte ein Spieler einfach nur beseitigen, damit weitergespielt werden konnte. Für den Spieler spielt das keine Rolle, ob das ein Luftballon ist oder ein Trinkbecher oder eine Flasche», sagte sein Vereins-Trainer Christian Streich. Man dürfe Mitrovic deshalb nicht stigmatisieren. «Der Fußball wurde leider schon zu oft benutzt, um politische Botschaften zu transportieren, und die Situation auf dem Balkan ist nach den vergangenen Jahrzehnten extrem kompliziert», sagte Streich.

Die UEFA handelte schnell, hat gegen beide Verbände ein umfangreiches Disziplinarverfahren eröffnet. Als Verhandlungstermin wurde der 23. Oktober angesetzt. Vor diesem Hintergrund sind alle Äußerungen der beiden beteiligten Fußball-Verbände auch als Verteidigungsstrategie zu werten, denn ihnen droht ein Ausschluss aus der EM-Qualifikation. Der serbische Verband stellte fest: «Es war ein Akt des Terrorismus, der gegen die Interessen der Republik Serbien gerichtet war.»

Die Albaner erklärten, die serbischen Zuschauer hätten mit Slogans wie «Töte die Albaner» und «Tod den Albanern» für eine «extrem feindliche und aggressive Atmosphäre» gesorgt. Die Spieler seien nicht nur von Zuschauern, sondern selbst von Sicherheitskräften und sogar von der Polizei angegriffen worden.

Der albanische Nationalspieler Edmond Kapllani vom FSV Frankfurt verurteilte die Tumulte: «Das alles gehört nicht zum Fußball», sagte der Zweitliga-Stürmer in einem Interview der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». «Wir wussten, dass es ein schwieriges Spiel werden wird. Aber dass es so eskalieren würde, damit hatten wir nicht gerechnet.»