Sexualforscher warnen vor Hype um «Pink Viagra»

Deutsche Sexualforscher sehen die Sexpille «Pink Viagra» für die Frau kritisch. «Die Wirkung ist gering. Wer will guten Gewissens sagen, dass diese Pille verlässlich funktioniert?», sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung, Jakob Pastötter, der dpa.

Das in den USA neu zugelassene Präparat ist ein Psychopharmakon, das täglich eingenommen werden muss.

«Viele Frauen werden sie mit großen Erwartungen nehmen und dann merken: Da passiert ja gar nichts», sagte Pastötter. Aus Erfahrung mit Viagra wüssten Sexualtherapeuten, dass sich viele der eigentlichen Probleme nicht durch Medikamente lösen ließen.

Die US-Arzneibehörde Food and Drug Administration (FDA) in Washington hatte am Dienstag (Ortszeit) den Wirkstoff Flibanserin genehmigt, der unter dem Namen Addyi auf den Markt kommen soll. Die rosa Pille soll die sexuelle Lust von Frauen wecken. Damit ließ die FDA zum ersten Mal ein luststeigernde Präparat als Medikament zu.

Als «Pink Viagra» oder «Viagra für die Frau» machte Addyi Schlagzeilen. Doch die rosa Pille wirkt ganz anders als die blaue für den Mann. Sie wirkt psychisch - im Gehirn. Während Viagra und Co. bei Männern ein körperliches Problem anpacken und ihnen zur Erektionen verhelfen können, beeinflusst Flibanserin die Botenstoffe Dopamin und Serotonin und soll die Libido anregen. Es geht also nicht ums Können, sondern ums Wollen.

Die Psychologin Verena Klein vom Institut für Sexualforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf fürchtet, dass mit Addyi die Sexualität der Frau in den Bereich der Krankheit rückt. «Es wird so getan, als gäbe es ein Defizit der Frau, das durch ein Medikament behoben werden könne», sagt die Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS). «Wenn Sexualität in der Partnerschaft nicht so gut läuft, dann lässt sich das nicht auf die Biologie der Partnerin oder des Partners reduzieren.» Das Präparat könnte Klein zufolge Frauen auch unter Leistungsdruck setzen, funktionieren zu müssen.

Sexuelle Unlust als eigenständige Störung gebe es im US-amerikanischen Diagnosekatalog DSM-V gar nicht mehr, erklärt Klein. Ein Medikament, das in die biochemischen Prozesses des Hirns eingreift, lasse Wichtiges außer Acht: das Ineinandergreifen gesellschaftlicher, biologischer und individueller Faktoren, die Sexualität beeinflussen.

Nur 8 bis 13 Prozent der Frauen bemerkten durch Addyi denn auch überhaupt eine Verbesserung - und diese war definiert als mindestens eine halbe sexuell befriedigende Erfahrung mehr im Monat, betont Sexualtherapeut Pastötter. «Bei den wenigen Frauen, bei denen Pink Viagra wirkt, verursacht sie sexuelle Lust. Aber hier beginnt der Denkfehler», sagte der Sexualtherapeut. Denn wenn der richtige Partner fehle, dann bleibe diese Lust unerfüllt.

Wenn das Verlangen in einer Beziehung abnimmt, wenn eine Frau also keine Lust auf Sex mit ihm hat, kann das zudem vielfältige Gründe haben. Vor allem Stress und fehlende erotische Spannung. Es gibt aber auch körperliche Gründe für Unlust: zu wenig Sport, Rauchen, Alkohol. «Wer einen schlechten Kreislauf hat, empfindet weniger», sagt der Sexualforscher.

Klein und Pastötter wiesen außerdem auf Nebenwirkungen des Präparats hin. Unter anderem können Schwindelgefühle bis hin zur Ohnmacht auftreten sowie Übelkeit und Schläfrigkeit. Nimmt eine Frau zugleich hormonelle Verhütungsmittel, könnten sich die Folgen noch verstärken, sagte Pastötter. Wechselwirkungen mit anderen psychoaktiven Stoffen sind ihm zufolge noch nicht geprüft.

Was aber passiert, wenn man Psychopharmaka wie Addyi längerfristig nimmt und dann absetzt? «Wenn man Pech hat, gibt es Entzugserscheinungen: innere Unruhe, Schlaflosigkeit - und eventuell rutscht das sexuelle Verlangen ganz in den Keller.»