Sicherheit und Geborgenheit sind erstmal weg

Zehntausende Menschen müssen sich in den Hochwassergebieten in Ost - und Süddeutschland in Sicherheit bringen. Die Wassermassen haben Teile von Städten überflutet.

Die Deutsche Presse-Agentur sprach in Offenbach mit der Psychologin Birgit Wiesemüller von der Gesellschaft für Personenzentrierte Psychotherapie und Beratung (GWG, Köln) über die Lage und Ängste der Menschen in den Krisengebieten.

Wie sehr zerstört so ein Hochwasser das Gefühl von Zuhause, von Geborgenheit, von Sicherheit?

Wiesemüller: «Das erste was man merkt ist, wie verbunden man mit dem ist, was man sich aufgebaut hat. Die Verbundenheit mit dem Zuhause ist spürbar und die große Angst, es zu verlieren. Die Sicherheit und die Geborgenheit sind erstmal weg und müssen wieder neu aufgebaut werden.»

Wirkt es ähnlich, wie man das von Einbrüchen kennt?

Wiesemüller: «Bei Einbrüchen haben wir die Besonderheit, dass mir bewusst von anderen Menschen etwas angetan wird. Das macht das Ganze noch einmal schlimmer. Das gilt vor allem für einen Einbruch, bei dem alles verwüstet wird. Wenn es keine Naturkatastrophe ist, sondern ein anderer Mensch, der mir das antut, sind die Auswirkungen in der Regel schlimmer. Es fällt uns schwerer, das zu verarbeiten.»

Was hilft in solch einer Situation?

Wiesemüller: «Wenn ich hochwassergeschädigt bin und habe
Unterstützung von Nachbarn, Helfern, Fremden und durch staatliche Hilfe, dann ist das eine bessere Grundlage damit besser klarzukommen.»

Warum ziehen die Leute trotzdem nicht einfach weg?

Wiesemüller: «Ich denke, da gibt es mehrere Gründe. Es gibt ja auch Leute, die ziehen aus Erdbebengebieten nicht weg. Oder es gibt Leute, die in Tornadoschneisen wieder zurückkommen. Es gibt da den ganz pragmatischen Grund, dass man einfach nicht die finanziellen Mittel hat, sich eine neue Existenz aufzubauen. Sie sind ja auch mit ihrer Heimat verbunden. Sie haben ein gewohntes Umfeld. Das fällt dann alles weg. Und es fehlen oft einfach die Alternativen.»

Und wie geht es dann weiter?

Wiesemüller: «Es ist zunächst die Hilflosigkeit, alles zu verlieren. Aber dann kommt der Alltag zurück und das Ereignis gerät in Vergessenheit. Wir leben ja auch mit anderen Dingen. Wir fahren Auto. Die Gefahr tritt im Alltag in den Hintergrund. Sie wird ein Stück verdrängt.»

Gibt es langfristige Folgen?

Wiesemüller: «Wenn es wiederholt passiert. Es kann sein, dass man es einmal gut verkraftet, dass man es ein zweites Mal gut verkraftet und beim dritten Mal massive Auswirkungen spürt, dass Ängste und Depressionen ausgelöst werden. Menschen sind aber unterschiedlich belastbar. Es gibt welche, die reagieren eher darauf, andere stecken es gut weg.»