Siemens-Betriebsratschef kritisiert Panikmache

Die Gewerkschaften haben Siemens vorgeworfen, die Mitarbeiter völlig unnötig in Angst versetzt zu haben.

Die Meldung über den Abbau von 15 000 Stellen «hat mehr Unklarheit als Klarheit geschaffen, weil der Eindruck erweckt wurde, hier handele es sich um ein neues und dramatisches Abbauprogramm. Das hat zehntausende Siemensianer verunsichert», sagte Gesamtbetriebsratschef Lothar Adler am Montag. Das Programm läuft schon seit 2012. Ein Abbau nach der Rasenmähermethode sei verhindert worden, sagte Adler.

In Deutschland sind 5000 Arbeitsplätze von dem Sparprogramm betroffen. Bereits die Hälfte dieser Stellen ist im soeben abgelaufenen Geschäftsjahr 2012/2013 fast geräuschlos schon gestrichen worden - mit Zustimmung der Arbeitnehmervertreter. Für die andere Hälfte der Stellen seien die Verhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern vor Ort in vollem Gang, teilweise kurz vor dem Abschluss, erklärte ein Konzernsprecher in München. Betriebsbedingte Kündigungen hat Siemens nach einer Vereinbarung mit IG Metall und Betriebsrat ausgeschlossen, die Arbeitsplätze werden mit Hilfe von Altersteilzeit, Abfindungen und Versetzungen eingespart.

Der geschäftsführende IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner sagte: «IG Metall und Betriebsrat erwarten von Siemens ein Bekenntnis zum bisherigen Vorgehen. Das heißt, dass die Information von Mitarbeitern und Betriebsräten an erster Stelle steht, die Verhandlungen vor Ort entsprechend geführt werden.» An vielen Standorten hätten die Arbeitnehmervertreter einen reinen Stellenabbau verhindern können. Der Konzern stelle sich in einigen Bereichen neu auf, habe aber zunächst eine Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern.

Zugleich warnten die Arbeitnehmervertreter Siemens vor einem härteren Kurs. «Wir lehnen nach wie vor ein rein margengetriebenes Personalabbauprogramm ab», sagte Adler. «Angesichts des zweitbesten Ergebnisses in der Unternehmensgeschichte ist das Abbauprogramm ohnehin nicht vermittelbar.» Der Betriebsrat wolle ein Zukunftsprogramm, bei dem der Mensch und nicht nur die Marge im Mittelpunkt stehe: «Die Auseinandersetzungen zu diesem Thema sind noch nicht beendet.» Siemens fuhr zuletzt 4,6 Milliarden Euro Gewinn im Gesamtjahr ein, deutlich weniger als im Vorjahr.

Ein Siemens-Sprecher betonte, jeder Standort sei über den Stellenabbau vor Ort informiert: «Das ist kein neues Programm». Außerdem werde die Zahl der Siemens-Beschäftigten in Deutschland unverändert bei etwa 119 000 bleiben, weil andererseits neue Stellen aufgebaut würden. Auch weltweit bleibe es bei etwa 368 000 Arbeitsplätzen.

Auch die Börse hakte den Stellenabbau als weitgehend bekannt ab. Die Aktie des größten europäischen Elektrokonzerns verlor im Tagesverlauf ähnlich wie der DAX knapp ein Prozent und blieb auch im europaweiten Kursvergleich der Industriekonzerne im Mittelfeld.

Das Sparprogramm hatte der Konzern Mitte 2012 gestartet, um die Rendite wieder auf das Niveau der Konkurrenten zu heben, und dabei auch Stellenstreichungen angekündigt. Eine konkrete Zahl ließ der neue Konzernchef Joe Kaeser allerdings zum ersten Mal überraschend am Sonntag mitteilen. Mit dem Umbau will Siemens die Kosten um jährlich 6,3 Milliarden Euro drücken. Kaesers Vorgänger Peter Löscher hatte im Juli gehen müssen, weil er die angestrebten Gewinn- und Margenziele verfehlte.