Silber-Jubel und Bronze-Tränen im WM-Freiwasser

Der verfrühte Goldjubel von Rob Muffels währte nur einen Mini-Moment, die Freudentränen von Finnia Wunram hörten dagegen fast gar nicht mehr auf. Zwei Talente haben das deutsche Schwimm-Team mit einem überraschend starken WM-Auftakt in Kasan beglückt.

Der EM-Zweite Muffels musste sich über fünf Kilometer erst im Fotofinish geschlagen geben, Wunram schlug nach einem perfekt eingeteilten Rennen als Dritte an. Auch ohne den zurückgetretenen Rekordweltmeister Thomas Lurz gibt es also weiter deutsche Freiwassermedaillen.

«Das war ein bisschen unsere große Sorge, dass es ohne den Leitwolf, ohne den Medaillengaranten ein bisschen in den Keller geht», gestand Bundestrainer Stefan Lurz, der Bruder des zwölfmaligen Weltmeisters. «Dass wir zwei Medaillen holen und in diesem Bereich unsere Zielstellung nach dem ersten Tag erfüllt haben, ist wahnsinnig gut, nimmt ein bisschen den Druck.» Viel wichtiger als die zwei Plaketten am Samstag wird für den Verband aber das Zehn-Kilometer-Rennen sein. Hier geht es um die Olympia-Plätze für Rio 2016.

Via Bruder Stefan hatte Thomas Lurz dem 20-jährigen Muffels noch ein paar motivierende Worte mitgegeben auf die wellige Reise in der Kasanka, einem Nebenfluss der Wolga. Er sei einer der Schnellsten im Feld und könne doch nach EM-Silber in Berlin diesmal in Russland auf jeden Fall Gold holen, berichtete Muffels von der Lurz-Botschaft. «Das motiviert einen schon, wenn der Rekordweltmeister sagt, dass man das gewinnen kann», sagte der WM-Zweite vom Samstag.

Nach dem spannenden Endspurt mit dem späteren Weltmeister Chad Ho (Südafrika) kletterte Muffels nach 55:17,6 Minuten auch als gefühlter Sieger aus dem Wasser, zerriss voller Gold-Emotionen in Robert-Harting-Manier gar seinen Anzug - ehe die Anzeigetafel ihn doch plötzlich auf Rang zwei einstufte. «Ich bin zu 99,9 Prozent zufrieden, aber ein Sportler ist zu 100 Prozent immer erst mit dem Sieg zufrieden», gestand Muffels. Das Klamotten-Kunststück war ihm ohnehin nicht so gut wie dem Diskus-Olympiasieger geglückt.

«Ich habe einen zweiten oder dritten Versuch gebraucht. Ich bin halt doch nicht so stark wie der Robert Harting», sagte der versöhnlich lächelnde Muffels. Drei Sekunden dahinter wurde der 17 Jahre alte Teamkollege Florian Wellbrock beim WM-Debüt eindrucksvoller Fünfter. «Ein unfassbar schönes Ergebnis», erklärte Chef-Bundestrainer Henning Lambertz. Schon Rang drei von Wunram hatte Lambertz verzückt. «Das ist der fantastischste Einstieg, den ich seit langem irgendwo sehen durfte», sagte er nach der ersten von insgesamt 75 WM-Entscheidungen.

Wunram konnte ihre eigene Überraschung beim Sieg der amerikanischen Titelverteidigerin Haley Anderson in 58:48,4 Minuten selbst nicht fassen. «Eine Top-10-Platzierung wäre ein Hammerplatz gewesen. Dass es der dritte Platz wird, damit hätte ich nie im Leben gerechnet», sagte die 19-Jährige mit leicht zitternder Stimme. «Überwältigend», «unglaublich», «unfassbar» waren die Adjektive, mit denen die ergriffene deutsche Meisterin immer wieder den bisher größten Erfolg ihre jungen Karriere beschrieb.

Leistungssportdirektor Lutz Buschkow zückte gar sein Handy, um die dauerstrahlende Wunram mit ihrer Medaille und umringt von einer Journalistenschar beim Interview zu fotografieren. «Das ist ein wunderschöner Überraschungssieg, ein super Auftakt für die Open-Water-Schwimmer», frohlockte Buschkow.