Spektakel ohne Happy End: BVB schiebt Frust

Die Alptraumnacht von Liverpool schlug allen Dortmundern mächtig aufs Gemüt.

Spektakel ohne Happy End: BVB schiebt Frust
Peter Powell Spektakel ohne Happy End: BVB schiebt Frust

Für Kapitän Mats Hummels war es ein «herber Rückschlag», für Vereinschef Hans-Joachim Watzke eine «tiefe Enttäuschung» und für Trainer Thomas Tuchel ein «verpasster Meilenstein».

Mit hängenden Köpfen schlichen die Profis Richtung Kabine, während der einstige BVB-Coach Jürgen Klopp im bebenden Anfield die Ovationen der heimischen Fans genoss. «Wir müssen das jetzt schnell abschütteln, so schrecklich wie es sich im Moment auch anfühlt», kommentierte Mittelfeldspieler Julian Weigl das 3:4 (2:0) im irren Spektakel ohne Happy End.

Binnen weniger Minuten schlug der Stolz der Borussen über eine famose Vorstellung und eine scheinbar sichere 2:0- sowie 3:1-Führung in Entsetzen um. Der Treffer von Dejan Lovren (90.+1) in der Nachspielzeit riss sie aus allen Träumen vom Einzug in das zum Greifen nahe Halbfinale der Europa League. Weltmeister Hummels fand deutliche Worte: «Wir haben auf einmal Schiss bekommen. Das war der realistischste Titel, der in dieser Saison rumlag. Ich dachte eigentlich - das muss ich zugeben -, dass wir das Ding holen.»

Auch Roman Weidenfeller schob mächtig Frust. «Wir hatten 2013 das Glück, in ähnlicher Form den FC Malaga zu schlagen, diesmal war es nicht auf unserer Seite», klagte der Torhüter mit Bezug auf den unvergessenen Last-Minute-Erfolg (3:2) über die Spanier. «Ich hätte mir gewünscht, dass es noch ein bisschen weiter in der Europa League gegangen wäre.»

Nur vier Tage nach der beim 2:2 im Revierderby auf Schalke wohl endgültig verspielten Meisterschaft musste der BVB den zweiten Titel abschreiben. Viel Zeit zur Frustbewältigung bleibt nicht. Schon am kommenden Mittwoch steht im Pokal-Halbfinale bei Hertha BSC die nächste wichtige Herausforderung an. Eine neuerliche Pleite könnte die bisher gute Stimmung deutlich trüben und die Vertragsverhandlungen mit Stars wie Hummels, Ilkay Gündogan und Henrich Mchitarjan erschweren. «Uns mit solch negativen Szenarien zu beschäftigen, wäre das Schlimmste, was wir im Moment tun könnten», sagte Tuchel.

Doch der Fußball-Lehrer ahnt, welch knifflige Aufgabe in den kommenden Tagen auf ihn zukommt. Erstmals seit seinem Amtsantritt beim BVB im vorigen Sommer droht eine heikle Phase: «Es wird nun entscheidend sein, wie wir als Gruppe damit umgehen. Das ist für uns alle eine Zeit, in der wir uns auch neu kennenlernen.»

Ein Erfolg über Hertha BSC soll helfen, einen Klimawechsel abzuwenden. «Die Enttäuschung müssen wir spätestens am Mittwoch in Energie umwandeln. Damit uns diese Energie so auf dem Platz stehen lässt, dass wir das nächste große Ziel erreichen - das Pokalfinale,» forderte Tuchel. Um dieses Vorhaben nicht zu gefährden, dürfte der Coach im kommenden Bundesliga-Spiel am Sonntag gegen den Hamburger SV wie schon auf Schalke zahlreiche Profis schonen.

Anders als Tuchel hatte Klopp allen Grund zur Freude. Schließlich wahrte der FC Liverpool mit dem Einzug in das Halbfinale die Chance auf den Titelgewinn und damit auf die aus finanziellen Gründen immens wichtige Qualifikation für die Champions League. Eine bessere Dramaturgie hätte sich der einstige Dortmunder Trainer kaum wünschen können. Seine Profis erwiesen sich als Mentalitätsmonster, drehten mit unbändigem Einsatz die Partie und bescherten ihrem neuen Trainer den größten Triumph seit seinem Start an der Merseyside im Oktober. «Es war eine wundervolle Nacht», schwärmte Klopp, «so etwas passiert selten. Aber wenn es passiert, vergisst du es nie.»

In den englischen Medien wurde der Coach entsprechend gefeiert. «Der Tag, an dem Jürgen Klopp seine Reise von Gelb zu Rot beendete», schrieb das englische Boulevardblatt «Sun» und im «Mirror» war zu lesen: «Jürgen Klopp hat sich heute Nacht selbst in die Folklore Liverpools eingereiht - die Fundamente für eine neue Ära des Erfolges sind gelegt.»