«Spiele der Wahrheit» für DFB-Elf - Fans zweifeln

Joachim Löw wartete nicht einmal die ersten Trainingseindrücke ab, bevor er der skeptisch gewordenen deutschen Fußballnation ein Versprechen gab.

«Wir werden eine Mannschaft auf dem Platz haben, die Polen schlägt», verkündete der Bundestrainer mit dem Selbstverständnis des Weltmeisters schon vor der Zusammenkunft der Nationalmannschaft in Frankfurt am Main.

Zum Treffpunkt bei 36 Grad im noblen Teamhotel erschien auch Mesut Özil, der wegen einer Knieblessur zuletzt beim FC Arsenal nicht gespielt hatte. Zusammen mit Kapitän Bastian Schweinsteiger fuhr der Spielmacher zunächst zu einem Werbedreh für DFB-Ausrüster adidas.

Das Vertrauen der Deutschen in ihre Weltmeister hat angesichts der bislang schleppend verlaufenen EM-Qualifikation spürbar gelitten: In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zum Start in den Quali-Endspurt glauben nur 13 Prozent der Befragten an den EM-Titel.

«Wir müssen einfach in der Woche gut arbeiten», sagte der beim FC Bayern mit fünf Treffern blendend in die Bundesliga-Saison gestartete Thomas Müller, einer von 14 Weltmeistern im Aufgebot. Erst am Dienstag wird Löw seine 23 Akteure erstmals auf den Trainingsplatz bitten. Der einzige Neuling ist Emre Can vom FC Liverpool.

Löw sprach am Montag im «Kicker» deutlich von «zwei Spielen der Wahrheit». Deutschland geht mit 13 Punkten lediglich als Gruppenzweiter in die vorentscheidenden Partien am Freitag in Frankfurt gegen Tabellenführer Polen (14) sowie drei Tage später in Glasgow gegen Verfolger Schottland (11.).

Löw ist nicht bange, er glaubt weiter fest an Platz eins und das direkte Ticket zum EM-Turnier nach Frankreich. «Ich kenne viele Spieler meiner Mannschaft schon jahrelang. Ich weiß: Wenn es auf Spiele wie gegen Polen zugeht, sind sie bis in die Haarspitzen motiviert», sagte Löw der «Süddeutschen Zeitung». Den Zugzwang sieht Manuel Neuer nicht als mentale Belastung, sondern vielmehr als Motivation. «Positiv ist, dass wir Highlights vor uns haben, dass wir unter Druck stehen», sagte der Nationaltorwart.

Löw weiß, dass wieder mehr kommen muss als im Jahr nach dem WM-Triumph in Brasilien, in dem sein Team «nicht weltmeisterlich gespielt» habe. Von zehn Länderspielen wurden nur fünf gewonnen, das 0:2 im Hinspiel gegen Polen mit Bayern-Torjäger Robert Lewandowski war eine von drei Niederlagen. Die durchwachsenen Auftritte haben in Deutschland die Euphorie rund um die Champions abgekühlt. 20 Prozent der Bundesbürger beantworteten die Frage nach dem EM-Titelgewinn mit «nein», 54 Prozent der 2005 Befragten immerhin noch mit «vielleicht».

Bei allen Zweifeln: Gerade drei Prozent glauben daran, dass die Nationalelf sogar schon in der Qualifikation für die EURO 2016 scheitern könnte. 64 Prozent rechnen mit Platz eins oder zwei und damit dem direkten Ticket nach Frankreich, ohne den Umweg über zwei Playoff-Spiele als Gruppendritter. «Die EM ist für uns ein großes Ziel», sagte Löw, der «bei allen Planungen» auch schon die nächste WM 2018 in Russland im Visier hat, «die Mission Titelverteidigung».

Für das Nahziel EM setzt Löw auf bewährte Führungskräfte wie Schweinsteiger. Mit seinem verletzungsanfälligen Kapitän, der am Sonntag bei der 1:2-Niederlage von Manchester United gegen Swansea City erstmals 90 Minuten durchspielen durfte, will der DFB-Coach besonders sorgsam umgehen: «Ich brauche ihn nicht in jedem Testspiel, aber ich bin sicher: Wenn es darauf ankommt, ist er immer noch ein Weltklassespieler.» Mit Toni Kroos, Schweinsteiger und dem wieder erstarkten Ilkay Gündogan hat Löw gegen Polen Topmöglichkeiten.

Auch Lukas Podolski ist für Löw weiterhin kein Auslaufmodell. Bei Galatasaray Istanbul sammelt er wieder Spielpraxis. Der 125-malige Nationalspieler steht - wie andere auch - unter Beobachtung. Zum jetzigen Zeitpunkt brauche er «keine endgültigen Entscheidungen» zu treffen, betonte der Bundestrainer. An Mario Götze lässt er ungeachtet der Situation beim FC Bayern keine Zweifel aufkommen. «Mario ist sehr wichtig für uns. Ich vertraue ihm zu 100 Prozent.» Der Bayern-Profi trifft gegen die Top-Gegner wie im WM-Finale 2014.

Ein anderes großes Talent muss sich die Gunst des Bundestrainers erst wieder erarbeiten. Weltmeister Julian Draxler nominierte Löw nicht, stattdessen gab es eine deutliche Ansage: «Meine Erwartung ist, dass er in diesem Jahr seine Klasse und sein Können ausspielt, und zwar konstant», sagte Löw zum Start in eine wegweisende Länderspielwoche.