Spuren des Sony-Hackerangriffs führen nach Nordkorea

Der Rückzug der Satire «The Interview» nach einem Hackerangriff gegen Sony Pictures und Terrordrohungen sorgt weiter für Wirbel. Aber es könnte das falsche Signal sein, befürchten Experten. George Clooney vermisst vor allem Solidarität in Hollywood.

Der Hackerangriff gegen das Filmstudio Sony Pictures war beispiellos, doch Experten befürchten, das das erst der Anfang sein könnte. «Cyberspionage findet in einem Maße statt, das wir zuvor noch nicht gesehen haben», sagte Denise Zheng, Direktorin am Center für strategische und internationale Studien dem US-Sender CNN. Allein im vergangenen Jahr habe es einem Report der Obama-Regierung zufolge 61 000 Attacken und Sicherheitsverletzungen gegen Einrichtungen der US-Regierung gegeben.

Sony zog nach massiven Terrordrohungen die Nordkorea-Satire «The Interview» zurück. Doch das könne auch als falsches Signal gewertet werden, sagte Zheng. Es müsse eine Antwort auf die Attacke geben, ob von Seiten der Industrie oder der Regierung. Sollten die Angreifer straflos davon kommen, sei das eine schädliche Message.

Unterdessen gehen Ermittler in den USA immer stärker von einem Angriff aus dem Ausland aus. Mit geklauten Zugangsdaten eines Systemadministrators hätten die Hacker breitflächigen Zugang zu den Daten des gesamten Unternehmens bekommen, berichtet CNN unter Verweis auf nicht namentlich genannte Regierungsvertreter. «Digitale Fußabdrücke» wiesen zudem in Richtung Nordkorea. Allerdings wollten weder das Weiße Haus noch Behörden den vermeintlichen Schuldigen öffentlich beim Namen nennen.

In dem Film bekommen zwei US-Journalisten (Seth Rogen und James Franco) den Auftrag, Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un bei einem Interview zu töten. Superstar George Clooney (53) hält den Film zwar nicht für brillant, beklagt aber eine mangelnde Solidarität in Hollywood: Eine von ihm verfasste Petition habe niemand unterschreiben wollen, sagte er dem Branchenportal «Deadline.com». Die Unterzeichner hätten zugestimmt, dass man sich nicht den Forderungen der Hacker unterwerfen und zusammenhalten werde.

Nach den Veröffentlichungen von vertraulichem E-Mail-Verkehr durch die Medien habe jeder die Sorge, er könne der nächste am Pranger sein, sagte Clooney. Dass der Film nun nicht in den Kinos läuft, sieht auch Clooney als ein Problem: «Das betrifft nicht nur Filme, das betrifft alle Angelegenheiten. Wir sind in der Verantwortung, dagegen aufzustehen.»

Offenbar setzen so manche Verantwortliche in Hollywood nach den Terrordrohungen nun bereits selbst die Schere im Kopf an. Der kanadische Comic-Zeichner Guy Delisle berichtet auf seinem Blog, dass die geplante Verfilmung seiner Comic-Erzählung «Pjöngjang» überraschend abgesagt wurde. Er selbst habe davon im Internet erfahren. Die Hauptrolle sollte Steve Carell übernehmen.

Barack Obamas Sprecher Josh Earnest stufte den Angriff als «Angelegenheit von nationaler Sicherheit» der USA ein, vermied es aber, von einem Angriff auf diese zu sprechen. Es gebe Beweise, dass ein «anspruchsvoller Akteur mit bösartiger Absicht zerstörerisch» vorgegangen sei. Dass Nordkorea hinter der Attacke steckt, bestätigte er nicht. Bei der beispiellosen Cyberattacke waren im November flächendeckend die Computersysteme von Sony Pictures angegriffen und etliche Daten gestohlen worden.

Bestseller-Autor Paulo Coelho erklärte sich bereit, die Satire gratis in seinem Blog zu veröffentlichen. In einer Twitter-Botschaft bot er Sony Pictures 100 000 Dollar (rund 81 000 Euro) für die Rechte an. «Sie bekommen 0,01 Prozent des Budgets zurück, und ich kann «Nein» zu Terror-Drohungen sagen», schrieb der 67-Jährige. Er bezweifle jedoch, dass Sony sein Angebot annehmen werde, räumte der Brasilianer ein.

«The Interview» sollte am 25. Dezember in den USA starten. In Deutschland war der Start des Films mit Produktionskosten von rund 44 Millionen US-Dollar (etwa 35 Millionen Euro) für Februar geplant. Sony hat sich auch gegen jede andere Form der Veröffentlichung des Films entschieden, sei es als Video auf privaten Kabelkanälen oder auf DVD, zitierte das Magazin «Variety» eine Sony-Sprecherin.