Stars zum Anfassen: Der Aufstieg der Amigos

Jahrzehntelang haben sie in der Provinz ohne viel Aufsehen auf Dorffesten gespielt. Mittlerweile haben sich Die Amigos als Karriere-Spätzünder zu einem der erfolgreichsten deutschen Schlager-Duos gemausert.

Stars zum Anfassen: Der Aufstieg der Amigos
Michael Reichel Stars zum Anfassen: Der Aufstieg der Amigos

Im kommenden Jahr feiern die Brüder Bernd (65) und Karl-Heinz Ulrich (67) ihr zehnjähriges Jubiläum nach dem Durchbruch 2006. Bis heute haben sie mehr als fünf Millionen Tonträger verkauft und diverse Preise eingeheimst, darunter den Echo 2011. In der Branche und bei Freunden des volkstümlichen Schlagers gelten die unverwechselbaren Hessen als Stars zum Anfassen.

Statt die Früchte des Erfolges im Ruhestand zu genießen, wollen die Oldies weiter durchstarten. «Das Feuer brennt nach wie vor», sagt Bernd Ulrich, der im mittelhessischen Hungen wohnt. Gefragt nach den weiteren Karriere-Zielen sagt er demütig: «Jeder Wunsch, den wir noch hätten, wäre unverschämt. Was wir in zehn Jahren erlebt haben - der reine Wahnsinn. Da brauchen andere Menschen ein halbes Leben für.»

50 Gold- und 15 Platin-Auszeichnungen haben die Amigos für ihren Platten und CDs bereits bekommen. 2009, 2010 und 2012 wurden sie mit der Krone der Volksmusik geehrt, neunmal waren sie für den Echo nominiert. 2014 und 2015 gelang ihnen das Kunststück, in Deutschland, Österreich und der Schweiz Rang eins der Charts zu erobern. Das aktuelle Album «Santiago Blue» erreichte im Sommer zum Einstieg gleich den Spitzenplatz der Schlager- und Album-Charts, wie Media Control in Mannheim mitteilte.

Dass die einstigen Hobby-Musiker zu Hitparaden-Stürmern werden, hat sich nicht angedeutet. 1970 gründeten sie die Kombo mit dem Namen Die Amigos, weil ihnen der Wert von Freundschaft und Verbundenheit wichtig ist. In Zeiten, in denen englischsprachige Musik den Ton angab, blieben sie ihrem Stil treu. Die beiden waren glücklich - und am Wochenende ständig auf Achse. Ihre Frauen begleiten sie heute noch. Von den ersten Gagen bauten sie sich ein Tonstudio in einer Garage. 1989 produzierten sie ihr erstes Album («Liebe und Sehnsucht»).

2006 schafften die Amigos den Durchbruch. Sie belegten Platz eins in der MDR-Musikshow «Achims Hitparade». Plattenfirmen wurden auf das Duo aufmerksam. «Da waren wir auch für die interessant, die unsere Demo-Tapes zuvor abgelehnt hatten», erinnert sich Bernd Ulrich. «Wir hätten nie gedacht, dass uns so etwas passiert.»

Bernd Ulrich nahm sich vom Beruf als Bierbrauer eine Auszeit, Bruder Karl-Heinz pausierte als Brummifahrer. «Mein Chef hat zu mir gesagt: Du hast wohl einen Vogel», erinnert sich Bernd Ulrich. 2007 war die erste Tour geplant. Trotz leiser Zweifel funktionierte es. Die Amigos wuchsen zu Stars der Szene heran und gaben ihre Jobs auf.

Als Star fühlt sich Bernd aber nicht. «Wir sind bodenständige Typen; authentisch, ehrlich, und wir lassen uns nicht verbiegen.» So bleiben sie auch konsequent bei ihrem Look. Ihr Erscheinungsbild sorgt immer wieder für Gesprächsstoff. Mit ihren Frisuren versetzen sie das modebewusste deutsche Friseur-Handwerk wohl nicht gerade in Verzückung: im Nacken lang und vorn ein in die Stirn ragender Pony.

Ein Hingucker sind auch die auffälligen, zuweilen glitzernden Jacketts. «Die Anzüge suchen wir in einer Boutique auf Teneriffa aus. Wir stehen halt nicht auf Outfits mit zerrissenen Jeans», erklärt Bernd Ulrich. Wichtiger für die vielen treuen Fans ist aber die Musik der Amigos. Natürlich bedienen sie unvermeidliche, branchenübliche Herz-Schmerz-Themen. Kostprobe: «Du Santiago Blue, Du bist ein Stern, der nie verglüht, so wie eine Rose, die ewig blüht. Du Santiago Blue, Du bist die Sonne in der Nacht, dich hat der Himmel gebracht.» Zur Akzeptanz und dem Niveau der luftig-leichten Liebeslieder sagt Bernd Ulrich: «Wer damit nichts anfangen kann, muss sie sich nicht anhören.»

Branchen-Größe Wilfried Gliem, die eine Hälfte der schwergewichtigen Wildecker Herzbuben («Herzilein»), schätzt an seinen «recht natürlichen Kollegen», dass sie «sehr eingängige und melodiöse Musik» produzieren: «Das ist es, was die Menschen hören wollen.»

Die Amigos möchten ihre Fans mit den Texten aber nicht nur zum Träumen, sondern auch zum Nachdenken bringen. «Wir wollen nicht nur auf heile Welt machen», betont Bernd Ulrich. So prangern die Amigos Kindesmissbrauch und häusliche Gewalt an - in den Songs «Der Schattenmann» und «Es tut so weh». Derzeit arbeiten sie am nächsten Album. Im Sommer soll Nummer 27 erscheinen.