Steinzeit-Kunst: Replik der Chauvet-Höhle wird eröffnet

Pont-d'Arc (dpa) - Obwohl er die Geschichte schon x-mal erzählt haben muss, ist Jean Clottes die Begeisterung auch nach 20 Jahren noch anzumerken.

Steinzeit-Kunst: Replik der Chauvet-Höhle wird eröffnet
Guillaume Horcajuelo Steinzeit-Kunst: Replik der Chauvet-Höhle wird eröffnet

«Das war einer der großen Schocks, eins der großen wissenschaftlichen Gefühle meines Lebens», sagt der Prähistoriker über den Tag, als er über eine Leiter in eine kurz zuvor entdeckte Höhle in Südfrankreich hinabstieg. Auf den Felswänden sah er eine Sensation: Hunderte Tierfiguren, vor mehr als 30 000 Jahren auf die Felswände gemalt.

Die Chauvet-Grotte zählt inzwischen zum Unesco-Weltkulturerbe und wird streng abgeschirmt, nur ausgewählte Wissenschaftler und Ehrengäste dürfen diese Kunstgalerie der jüngeren Altsteinzeit bewundern. Doch nun können sich auch Touristen einen Eindruck verschaffen: Für 55 Millionen Euro ist in der Ardèche-Region, etwa 60 Kilometer nordwestlich von Avignon, eine aufwendige Kopie der Grotte gebaut worden. An diesem Samstag (25. April) wird sie eröffnet.

Die wissenschaftliche Bedeutung der 8500 Quadratmeter großen Höhle nahe dem Ort Vallon-Pont-d'Arc, Ende 1994 von drei Hobbyforschern entdeckt, ist enorm: Nach Angaben der Unesco, der UN-Organisation für Wissenschaft und Kultur, enthält sie die ältesten bekannten und am besten erhaltenen Figuren-Zeichnungen der Welt. Allerdings sind die deutlich einfacheren Hand-Abbildungen in der Höhle von El Castillo in Spanien mit 40 000 Jahren noch älter.

Die Malereien reichen von abstrakten roten Flecken auf der Felswand über einen mit dem Finger in einen feuchten Untergrund geschabten Uhu bis hin zu einem zwölf Meter breiten Panorama, in dem sich Pferde, Löwen und Rhinozerosse tummeln. Ein detailverliebtes Meisterwerk, das nicht nur die natürliche Felsstruktur für eine Art 3-D-Effekt nutzt, sondern möglicherweise auch schon versucht, Bewegung darzustellen. So jedenfalls lässt sich interpretieren, dass manche Tiere mit zu vielen Beinen gezeigt werden.

Sogar eine Art Minotauros findet sich, wie Projektleiter Pascal Terrasse erzählt: ein Bisonkopf, der in ein Frauenbein übergeht. Der Regisseur Werner Herzog nannte die Grotte in einer Dokumentation die «Höhle der vergessenen Träume».

«Wenn man Stück für Stück in die Intimität dieser Malereien einsteigt, wird einem die Größe dieser Künstler klar, ihre Meisterschaft», erzählt Alain Dalis. «Da kann man nur Respekt haben.» Der Franzose ist einer der Künstler, die in den vergangenen Jahren die Höhlen-Bilder abgekupfert haben - die «Fälscher», wie sie einer der Verantwortlichen grinsend nennt. Mit Hilfe von Wissenschaftlern vollzogen sie detailliert nach, wie die Urzeit-Künstler vorgegangen waren: teilweise mit den Fingern, teilweise mit Stöcken. Sie nutzten die gleichen Materialien wie damals, Eisenoxide und Holzkohle. Selbst die Kratzspuren der Bären an den Felswänden wurden nachgeahmt.

Mit einem Computermodell, zahlreichen Fotos und den Eindrücken aus der Originalhöhe entwarfen die Architekten die Replik mit 3000 Metern Grundfläche. Tonnenweise Beton steckt in den falschen Felswänden, für täuschend echtes Höhlengefühl soll die Klimatisierung auf 18 Grad sorgen, sogar Duftstoffe werden freigesetzt. Die Mitarbeiter flüstern, wenn sie die Besucher über die Metallstege durch die Replik führen. «Das ist ein Spektakel, aber auch so nah wie möglich an der Wahrheit», beteuert der Architekt Vincent Speller.

Natürlich steckt hinter dem Projekt auch eine wirtschaftliche Absicht, 350 000 Touristen soll die Replik pro Jahr anziehen - ein Stück Strukturpolitik für eine Region, die bislang vor allem für ihre Natur bekannt ist, zu großen Teilen finanziert vom Staat und aus EU-Mitteln. Entsprechend groß ist das Tamtam, auch Staatspräsident François Hollande war bereits vor Ort.

Die Detailgenauigkeit der Replik ist dennoch beeindruckend, selbst für Fachleute. Jean Clottes, der vor mehr als 20 Jahren für die französische Regierung die Echtheit der Höhlenmalereien bestätigte und das Original so gut kennt wie kaum jemand sonst, fühlt sich jedenfalls an seinen ersten Besuch erinnert: «Ich glaube, dass das Publikum diese Emotion in der Replik spüren kann.»