Stiller Gedenkakt: Rosen, Kerzen und Zeit für die Opfer

Es ist ein Tag der Freude und des Gedenkens. Berlin erinnert an den Mauerfall vom 9. November 1989. Kanzlerin Merkel kommt in die Bernauer Straße. Und nimmt sich Zeit für Gespräche.

Stiller Gedenkakt: Rosen, Kerzen und Zeit für die Opfer
Hendrik Schmidt Stiller Gedenkakt: Rosen, Kerzen und Zeit für die Opfer

Es ist still in dem kargen Saal, als die Geigerin Dorothea Ebert zu spielen beginnt. In der Berliner Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße hat die Musikerin noch vor den Politikern ihren Auftritt.

Die heute 53-Jährige saß nach einem gescheiterten Fluchtversuch im berüchtigten DDR-Frauengefängnis Hoheneck, bevor sie von der Bundesrepublik freigekauft wurde. In der Haft spielte sie immer wieder Stücke von Bach - ohne ihr Instrument, nur in Gedanken.

Es sind Schicksale wie diese, die am Sonntag bei der zentralen Gedenkveranstaltung zum 25. Jahrestag des Mauerfalls berühren. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist an den Ort gekommen, der als Symbol der deutschen Teilung in die Geschichte eingegangen ist. Und Merkel bleibt zweieinhalb Stunden. Hunderte Menschen säumen die abgesperrte Straßen.

Der 9. November 1989 sei einer der glücklichsten Momente der jüngeren deutschen Geschichte gewesen, sagt Merkel. Und: «Der Tag der Freude ist immer auch ein Tag des Gedenkens.» Auch die Mutter von Chris Gueffroy ist an den früheren Todesstreifen gekommen. Ihr Sohn wurde im Februar 1989 als letzter Flüchtling an der Mauer erschossen. 138 Menschen starben nach bisherigen Erkenntnissen durch das DDR-Grenzregime an der Berliner Mauer.

Zum Auftakt steckt Merkel im schwarzen Mantel schweigend eine gelb-rote Rose in den Schlitz der noch original erhaltenden Hinterlandmauer der einstigen Sperranlage und verneigt sich leicht. Menschen warten hinter einem roten Absperrband, ebenfalls mit Rosen. Kurzerhand schiebt die Kanzlerin das Band zur Seite, die Wartenden können durch. Wenig später ist eine Blumenkette in dem grauen Mauerstück entstanden. In der Kapelle der Versöhnung werden Kerzen für die Toten entzündet.

Hier in der Bernauer Straße spielten sich nach dem Mauerbau dramatische Szenen ab. Die Häuser auf einer Straßenseite gehörten nach dem 13. August 1961 nun zum Osten, der Bürgersteig davor zum Westen. In den ersten Tagen versuchten Bewohner noch, in die Freiheit zu springen.

«Das Unrecht kann nicht ungeschehen gemacht werden», sagt Merkel in ihrer Rede im Besucherzentrum zur Eröffnung einer neuen Ausstellung. Es müsse aber weiter benannt werden. Wenn elementare Grundrechte missachtet würden - «was sollte es anderes sein als ein Unrechtsstaat», betont Merkel. Und sie spannt den Bogen zu heutigen Konflikten und Krisen: «Wir haben die Kraft, die Dinge zu ändern. Wir können die Dinge zum Guten wenden - das ist die Botschaft des Mauerfalls.» Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) mahnt: «Geben wir die Erinnerung weiter an die nächste Generation.»

In der neuen Ausstellung im sanierten Dokumentationszentrum gut 100 Meter weiter warten Zeitzeugen, Bürgerrechtler und Opfer schon auf die Kanzlerin. Einer von ihnen ist der 73-jährige Werner Coch. Sein zweiter Fluchtversuch wurde damals an die Stasi verraten. Der Student wurde verhaftet und verurteilt.

Auch seine Geschichte wird in der Ausstellung erzählt. Das sei eine kleine Wiedergutmachung, sagt Merkel zu ihm. Der weißhaarige Coch freut sich eher still über die Begegnung. Erinnerungen kämen aber hoch. Er sei noch immer erschüttert, dass nach seiner Haft sechs IM (Inoffizielle Mitarbeiter) der Stasi auf ihn angesetzt gewesen seien. Das habe er erst nach dem Mauerfall erfahren.

Merkel bleibt auch an einem großformatigen Bild stehen, das den Mauerbau symbolisiert. Zwei Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm stehen sich durch Stacheldraht getrennt gegenüber. Die Kinderhände können sich nicht erreichen. Mehrere der einst Betroffenen bitten die Kanzlerin: «Die DDR-Vergangenheit muss mehr in die Schule!» Merkel verspricht: «Sie haben auch künftig eine Stimme.»

Am Eingang ist ein rostiges Stahlgitter in einer Glasvitrine zu sehen. Was aussieht wie ein mittelalterliches Folterinstrument, war Teil der DDR-Sperranlagen. «Stalinrasen» wurden die Platten mit 14 Zentimeter aufragenden Stahlstacheln genannt. Flüchtlinge sollten darin schwer verletzt hängen bleiben. Knapp 19 000 dieser Gitter lagen im Todesstreifen zwischen Ost und West.

Der Direktor der Mauer-Stiftung, Axel Klausmeier, sagt stolz, aus dem Ort des Schreckens sei ein Lernort geworden. Am Nachmittag nahm das Volk die Erinnerungslandschaft an der Bernauer Straße wieder in Besitz.