Street-Art in Pariser Hochhaus

Was «Stew» mit den Wänden von Appartement 952 gemacht hat, ist weit entfernt von der gewöhnlichen Ausstattung einer Pariser Sozialwohnung. Etwa vier Wochen lang hat der Street-Art-Künstler im Zimmer in einem Hochhaus am Seine-Ufer gewerkelt.

Street-Art in Pariser Hochhaus
Yoan Valat Street-Art in Pariser Hochhaus

Besucher müssen sich nun um Holzpfähle mit schwarz-weißen Collagen herumschlängeln, die wie überdimensionale Mikado-Stäbchen kreuz und quer im Raum verteilt sind. Von den Wänden blicken Gesichter traditioneller chinesischer Figuren mit knallroten heraushängenden Zungen. Eine von ihnen trägt eine Irokesen-Frisur und hastet mit wehendem Mantel die Wand entlang.

«Endlich hat mir jemand einen Raum gegeben, in dem ich mich frei ausdrücken kann», sagt «Stew». Der Franzose ist einer von 105 internationalen Künstlerinnen und Künstlern, die die «Tour Paris 13» gestaltet haben. In dem neunstöckigen Sozialbau ist die Ausstellung noch bis zum Abriss im November zu sehen. Dort im 13. Pariser Arrondissement sollen dann neue Sozialwohnungen entstehen. Die Bewohner sind zwischenzeitlich umquartiert und ziehen seit Februar nach und nach aus.

Mehdi Ben Cheikh wollte die Räumungsphase nicht ungenutzt verstreichen lassen. «Das Gebäude eignet sich perfekt für Street-Art», sagt der Chef der Pariser «Galerie Itinerrance». Ben Cheikh lud Street-Art-Künstler aus aller Welt ein, die auf eigene Rechnung nach Paris kamen. Nun ist auch der Eintritt frei - kostet allerdings bis zu sechs Stunden Wartezeit vor dem limitierten Eingang.

Seit Mitte Februar haben die Künstler auf mehr als 4500 Quadratmetern gesprayt, gemalt und tapeziert. «Wir konnten mit den Wohnungen machen, was wir wollten», sagt «Stew». Die Stockwerke sind grob nach Herkunftsländern oder -kontinenten der Künstler geordnet. Ansonsten herrscht auf den insgesamt elf Etagen kreative Anarchie: Den Keller haben die Franzosen «Roti», «Lek & Sowat» und «Legz» mit Schwarzlicht, wirren Wandmustern und Exponaten wie einer Kuh-Büste in eine Mischung aus Nachtclub und Geisterbahn verwandelt.

In einigen Wohnungen stehen noch Schränke und Kommoden ehemaliger Bewohner. In anderen Appartements haben die Künstler solche Alltagsobjekte verarbeitet. Auf der achten Etage hat «Maz» aus Saudi-Arabien ein zähnefletschendes Gebiss auf eine blutrot gefärbte Matratze gesprüht. Nebenan lässt der französische Künstler «Sambre» zwei Mauern aus Türen spitz aufeinander zulaufen. Vergleichsweise unspektakulär sieht zunächst das von seinem Landsmann «Kan» gestaltete Zimmer aus. Doch die Punkte auf Wänden, Boden und Decke verwandeln sich in der verzerrten Spiegelung auf der Oberfläche einer Metallkugel in die berühmten Fresken von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom.

Die kollektive Street-Art-Ausstellung ist ein Riesenerfolg. «Es ist schwer, nichts von dieser Ausstellung zu hören, so viel wie darüber gesprochen wird», sagt eine Besucherin. Gemeinsam mit anderen harrt sie in der Warteschlange aus, die einmal komplett um das stattliche Gebäude reicht. Die Galerie rechnet mit insgesamt 15 000 Besuchern.

Dass die Arbeit der Künstler schon bald von Baggern dem Erdboden gleich gemacht wird, stört weder Ben Cheikh noch «Stew». «Das gehört dazu», sagt der Street-Art-Künstler, «Graffiti ist vergänglich.»